Seminar: Tönen, Singen, Intonieren – die Stimme

Seminar | 24.-25. Juni 2016 | Dr. habil. Rolf Kühn und Dr. Sebastian Knöpker | Planckstraße 20,  Haus der Quäker, 10117 Berlin, fünf Gehminuten vom S- und U-Bahnhof Friedrichstraße

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Die Stimme berührt im Singen den Körper und erschafft so einen tönenden Leib. Wie das Lachen einen Leib im Leib hervorbringt, der sonst nicht da wäre, und wie Feigheit Muskeln, Haut und Sehnen leibhaftig feige werden lässt, so bringt auch das Singen einen Leib hervor, der nur im Intonieren entstehen kann. Das Hören und Fühlen im Singen erschließt auf diese Weise eine Welt für sich und lässt eine leibliche Lebendigkeit konkret werden, so wie sie in der Lebensphänomenologie zunächst nur abstrakt bestimmt ist.

Die Verwandlung des Körpers als bloßes Instrument in gefühlte Leiblichkeit zeigt sich beim Singen gut anhand der sogenannten Atemstütze, die im kontrollierten Ausatmen durch den Einsatz der Muskulatur des Einatmens besteht. Was funktional betrachtet dazu dient, den nötigen Betriebsdruck aufzubauen, um die Stimmbänder durch einen Luftstrom in Schwingung zu versetzen, das kann im Singen als „Schweben auf den Tönen“ erfahren werden.

Man erlebt sich dann nicht von der Anstrengung her, den Atemstrom zu kontrollieren, sondern aus dem Fühlen der Stimme heraus. Es ist so wie man beim Surfen, wo Surfbrett, Welle und der eigene Körper aus dem Genuss am Wellenreiten heraus kontrolliert werden und die richtigen Bewegungen dementsprechend aus dem Empfinden heraus erfolgen. Der Zweck (Lust am Surfen/am Singen) bestimmt so jeweils die Mittel, was eine erfreuliche Umkehrung der Verhältnisse bedeutet. Im Tönen und Singen lässt sich diese Umkehrung im Detail kultivieren, so dass man konkret die Verhältnisse von Aktivität/Passivität, Ich/Mich und Mittel/Zweck neu bestimmen kann.

Das gilt auch für das Wollen: Viele Menschen besitzen nur ein paar eilige Wünsche, die nicht recht zusammenpassen. Sie haben nicht richtig wünschen gelernt, was sich auch daran zeigt, dass sie oft nur mit dem Kopf, nicht aber nicht gut „vor Ort“ leiblich etwas begehren können. Einfachstes Beispiel für dieses „Wollen vor Ort“ ist das Jucken, das gekratzt werden möchte. Juckt der Unterarm, dann „will er“, ohne das man im Kopf etwas möchte, da der Wille sich an Ort und Stelle zeigt.

Man scheitert oft daran, den Willen leiblich werden zu lassen, etwa in der erotischen Begegnung, wo man mit aller Kraft will, ohne dass der Wille auch „vor Ort“ richtig ankäme. Es bleibt dann im abstrakten Wunsch stecken. Das Singen hingegen kann sehr anschaulich diese Leibwerdung vom abstrakten „Ich will (singen)“ zum leiblichen Wollen in Kehlkopf, Brustkorb und Zwerchfell etc. aufzeigen. Man bekommt im Intonieren ein Gefühl, wie der Wille Leib wird. Man lernt, wie der Übergang vom abstrakten Wollen zum leiblichen Begehren vor Ort umgesetzt werden kann.

Die Intonation und das Tönen der Stimme ist eine praktische Wissenschaft der Selbstaffektion, in der die Lebensphänomenologie plastisch hervortritt. Die transzendentale Affektivität ist in ihr nicht auf einen Urgrund reduziert, der keine Form, Gestalt, keine Farbe und Größe hat, sondern bildet eine konkrete Leiblichkeit. Die Erfahrung der Stimme ist ein Sich-Sagen des Lebens, das sich sein eigenes Kriterium ist und den abstrakten Begriff des Lebens fassbar macht.

rw.kuehn@web.de

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