Rezension: Frank Vogelsang – Identität in einer offenen Wirklichkeit

Frank Vogelsang: Identität in einer offenen Wirklichkeit, Eine Spurensuche im Anschluss an Merleau-Ponty, Ricoeur und Waldenfels, Karl Alber Verlag, Freiburg und München 2014, 352 S., ISBN: 978-3-495-48644-3

Eine Grundforderung unserer Zeit besteht im Offensein für das Andere und Fremde, um gerade darin eine eigene und unverwechselbare Identität zu bilden. Diese offene Wirklichkeit des Eigenen im Fremden überfordert allerdings die meisten Menschen. So offen sie nach Außen sind, desto beharrlicher verschließen sie sich und versuchen eine kleine Welt für sich zu bewahren. In einem philosophischen Sinne nimmt sich Frank Vogelsang dieser Thematik von Alterität und Identität an, um deutlich zu machen, wie das eine für das andere bestimmend ist.

Bevor man das Buch aufschlägt, gerät man ins Stutzen, da der Autor 2011 bereits ein Buch mit dem ganz ähnlichen Titel Offene Wirklichkeit, einem ähnlichen Thema im selben Verlag und in derselben Verlagsreihe unter Bezugnahme auf den denselben Hauptautor (Merleau-Ponty) veröffentlicht hat. Vergleicht man beide Bücher miteinander, so zeigt sich, dass viele Kapitel vergleichbar angelegt und geschrieben sind. Würde man diese Kapitel nach einem Zufallsprinzip austauschen, so könnte man den Unterschied als Leser nicht bemerken. Es gibt zwischen beiden Büchern Unterschiede, die allerdings ein neues Buch nicht rechtfertigen können.

Zu Beginn des Buches folgt dann ein branchentypischer Offenbarungseid, indem deutlich gemacht wird, dass auf die Frage nach der Identität des Menschen keine Antwort zu erwarten sei (58-65). Der Mensch fragt nach seiner Identität, was fraglos als „konstitutives Merkmal des Menschseins“ in einer „unauflösbare Verschränkung von Frage und Antwort“ gelten kann. Ergebnis des Ganzen müsse es dabei bleiben, mit einem ewigen „Geheimnis“ umgehen zu lernen, wobei immerhin einige Teilantworten möglich seien. Routiniert und unaufgeregt wird dem Leser also mitgeteilt, dass Philosophie im Fragenstellen bestehen soll und demnach mögliche Antwortansätze lediglich ein Bonus darstellen.

Inhaltlicher Ausgangspunkt für die Frage nach der Identität des Menschen ist dessen Leib, der in seiner Verflechtung mit dem Ich wie mit der Welt den Ort für die Begegnung von Alterität und Identität darstellt. In diesem Austausch und in diesen Widerständen und Zusammenstößen bildet sich eine so genannte Zwischenleiblichkeit, die darin ausgezeichnet ist, dass der Leib nicht als ein geschlossenes und autarkes System mit einigen Verbindungen in seine Umgebung ist (Schießschartenmodell), sondern in seinem Sich-Selbst-Sein von der Leiblichkeit Anderer wie auch von der Welt bestimmt ist. Ohne Fremdes, so fasst der Autor es zusammen, gibt es kein Eigenes. Die eigene Identität bildet und erhält sich durch das Fremde, so wie die Identität des Anderen sich ebenfalls nicht als einmal fertige Ipseität zeigt, sondern im Austausch mit dem ihm Fremden immer wieder neu gebildet wird. In diesem Sinne gibt es keine Identität als Zustand, sondern nur als Akt, so dass die Identität sich je aufs Neue vollzieht. So gilt: „ Wir sind nur, die wir sind, weil wir uns auf die Welt einlassen, und weil wir mit Anderen verbunden sind“ (323).

Diesem Grundgedanken folgend wird auch die strikte Unterscheidung zwischen objektiv und subjektiv aufgegeben. Da nämlich eine Dialektik von Fremden und Eigenem erst die Identität des Menschen ergibt und eine solche Interdependez nicht bloß Produkt einer Entwicklung eines Individuums ist, sondern auch Ausgangspunkt seines Werdens, kann das Subjektive vom Objektiven nicht mehr eindeutig getrennt werden. Das gilt umso mehr, als dass das subjektive Erleben nicht in einer zeitlich unausgedehnten Gegenwart abläuft, sondern unmittelbar bevorstehende Zukunft wie auch das soeben Vergangene in sich aufnimmt. Durch die Synthese von Gleichzeitigkeit (Gegenwart) mit Vergangenheit und Zukunft kommt es dabei, wie der Autor zeigt, zu einer teilweisen Aufhebung der Kausalität von Reiz und Reaktion.

Mit Bezug auf Paul Ricoeur wird noch ein weiterer Aspekt dieser Verflechtung von Alterität und Identität entwickelt. Es handelt sich um die Narrativität der Existenz:„Erzählungen sind nicht defizitäre Darstellungen von etwas, was „eigentlich“ auf andere Weise exakt und vollständig darstellbar wäre, eine Welt, wie sie „eigentlich“ existiert. Sie sind vielmehr ein Zugang zu einer eigenständigen Erscheinungsweise der Wirklichkeit, die sich nur so und nicht anders zeigen kann.“ (328). Auch die Weise, wie man sich erzählt bzw. von Anderen erzählt wird, bestimmt die eigene Identität, in der ein Narrativ vom Autor besonders hervorgehoben wird, nämlich die Frage, wer man sei. Indem man sich diese Frage beständig stellt und indem sie in einem arbeitet und immer wieder aufs Neue Antworten hervorbringt, konstituiert sich erst die Identität als steter Vollzug.

Diese Elemente, die der Autor unter Berufung auf Merleau-Ponty, Waldenfels und Ricoeur zusammenträgt und stimmig aufbereitet, bringen dem Buch als phänomenologische Untersuchung den strukturellen Mangel ein, sich einem Sachthema auf philosophiegeschichtlicher Basis zu nähern, indem es bestimmte Kapitel der Ideengeschichte aufrollt. Eine solche Kombination ist der Phänomenologie fremd, da sie sich frei nach Husserl „an die Sachen selbst“ hält, also an die Phänomene, an die darin gegebenen vorprädikativen Leistungen (passive Synthesis) und an die Phänomenalität als solche. In Identität in einer offenen Wirklichkeit wird jedoch die deskriptive Phänomenologie fast ganz beiseite gelassen, die passive Synthesis wird nicht erwähnt und die Phänomenalität, also das Erscheinen der Erscheinungsgehalte, nicht eigenständig thematisiert. Das liegt an der philosophiehistorischen Herangehensweise, in der Merleau-Ponty als zentrale Figur präsentiert wird, welche von der vorprädikativen Phänomenologie wenig wusste. Nach heutigem Forschungsstand (Husserl, Richir) ist das ein gravierender Mangel, so wie auch das Ignorieren der Beiträge zur Phänomenalität beispielsweise eines Michel Henry und das der beschreibenden Phänomenologie etwa eines Herrmann Schmitz. Das Buch steht also auf einer unnötig schmalen Basis.

Was ist von Identität in einer offenen Wirklichkeit zu halten? Das Buch ist in exegetischer Hinsicht ordentlich geschrieben und führt gut in die jeweiligen Werkaspekte der behandelten Philosophen ein. Für einen philosophisch interessierten Leser ist es aber nicht empfehlenswert, weil der Autor das Thema über mehr als dreihundert Seiten nur verwaltet und immer wieder neue Teilthemen anspricht, ohne in der Hauptsache voranzukommen. Für den Phänomenologen ist es die Bestätigung dafür, dass die derzeitige phänomenologische Forschung sich auf philosophiehistorisch fundierte Untersuchungen zurückzieht und darin zu überwintern versucht, sich dabei aber marginalisiert und auf lange Sicht unsichtbar macht. Nimmt man noch hinzu, dass der Autor das Buch bereits unter ähnlichem Titel veröffentlicht und nur Nuancen verändert hat (Thema „Identität“ statt „Wirklichkeit“, Exegese unterschiedlicher Philosophen, Kürzung des Umfangs) ergibt sich ein negatives Gesamtbild der Phänomenologie, die nichts wagt und sich hinter Worthülsen versteckt. Hinzu kommt ein renommierter philosophischer Fachverlag, der seine Kunden auf elementare Weise nicht mehr ernst nimmt, indem er eine Doublette als Neuerscheinung ausgibt.

Sebastian Knöpker