Ontologie der Atmosphäre – Heidegger, Schmitz und Henry

Hammershoi_Ida_Reading_a_LetterIn Atmosphären und Stimmungen sind Personen, Dinge und Erlebnisse präsent, die ansonsten weder begrifflich gedacht, wahrgenommen oder sinnlich vorgestellt werden. Mein Sohn z.B. ist mir als Durchstimmung immer präsent, egal wie beschäftigt ich gerade mit anderen Dingen bin. Diese Vergegenwärtigung bezieht sich aber nicht bloß auf ausgesprochen Wichtiges, sondern beispielsweise auch auf meine Zukunft allgemein, die als Horizont von Möglichkeiten, Bedrohungen und kaum Erahnten in mir immer gegeben ist. Ich muss mir somit nicht denkend vergegenwärtigen, dass ich morgen einen bestimmten Termin habe, weil dieser als Stimmung in mir durchweg anwesend ist. Auch der Tod als fern liegendes, aber dennoch notwendig eintretendes Ereignis ist auf diese Weise gegenwärtig.

Stimmungen haben also die wichtige kognitive Funktion, eine hintergründige Präsenz von Eigenschaften, Zukünftigem, Vergangenem, von einem wichtigen Personen usw. zu ermöglichen, die unmöglich ständig gedacht, wahrgenommen oder vorgestellt werden können. Die unmittelbare Gewissheit, man selbst zu sein, ist so zu einem erheblichen Teil in den Stimmungen als Selbstgefühl zu finden. Der Horizont meiner Zukunft bildet sich ja nicht nur durch die unscharfe Präsenz von Möglichkeiten, da es meine Möglichkeiten sind und ihre Zugehörigkeit zu mir nicht durch ein epistemisches Subjekt gegeben ist. D.h. nicht nur das „ich denke“ meiner Zukunft muss mir jederzeit möglich sein, damit ich als ein menschliches Wesen gelten kann, sondern meine Zukunft muss mir immer und ohne Ausnahme gegeben sein.

Was ermöglicht es nun, so disparate Aspekte des Daseins wie personale Eigenschaften, Leibinseln, Gegenstände, das Unvergangene usw. unter den Überbegriff „Stimmung“ zu fassen. Aura, Stimmung, Atmosphäre, Atmosphärisches sind die Begriffe, die je nach Autor sehr unterschiedlichen ontologischen Kategorien zugeordnet werden. Das gemeinsame Merkmale dieser Begriffe wurde bereits in der Selbstaffektion angegeben, von Henry in Anlehnung an Novalis auch die Nacht genannt.

Dieses Merkmal bezieht sich auf das Wie des Gegebenseins von Stimmungen, ein Merkmal, welches für alles Sich-Befinden gilt, also auch für distinkt Gedachtes und Wahrgenommenes. Sagt man mit Henry, die Realität des distinkt Angeschauten wird gerade in dieser Anschauung übersehen, weil das diese Realität Ermöglichende unsichtbar sein muss, damit es das Sich-Befinden ermöglicht, so sind die Stimmungen ein Indiz dafür, dass es diese „Irrealität“ gibt, da in ihnen das Fehlen von klarer und distinkter Anschauung keineswegs notwendig mit dem Mangel an Präsenz einhergehen muss. Umgekehrt zeigt sich in diesem Verhältnis auch die Möglichkeit einer abstrakten Bestimmung des Wesens der Stimmungen: das allgemeine Merkmal der Stimmungen ist das Wie ihres Gegebenseins in der Selbstaffektion ohne ein Was in der distinkten Anschauung zu haben.

Vergleichen wir diese Bestimmung mit der Atmosphärentheorie von Hermann Schmitz, so lässt sich der Wert einer solchen abstrakten Bestimmung näher angeben.

Schmitz entwickelt seinen Atmosphärenbegriff von dem Gegensatz zum von ihm sogenannten Introjektionismus, wonach die Welt des Menschen in eine Innen- und eine Außenwelt getrennt wird. Demzufolge wird die Außenwelt im Introjektionismus durch einige wenige objektive Grundmerkmale zu einer Sphäre des Fassbaren, naturwissenschaftlich und technisch Beherrschbaren, demgegenüber der Innenwelt all jenes zugeschrieben wird, was als subjektiv qualifiziert ist. Diesen Introjektionismus ablehnend vertritt Schmitz die Gegenposition dazu: Gefühle kommen in der Welt genauso objektiv vor wie Dinge; sie seien nicht weniger subjektiv als Landstraßen, nur weniger gut erfassbar. Diese starke These versucht er von den Atmosphären aus zu belegen.

Schmitz entwickelt dabei den Begriff „Atmosphäre“ von den klimatischen Atmosphären her, so wie sie uns durch eigene Erfahrung auch geläufig sind. Der Nebel oder die morgendliche Frische der Luft sind in diesem Sinne Atmosphären, die sich dadurch auszeichnen, räumlich ausgedehnte „Halbdinge“ zu sein. Schmitz interessiert sich nun jedoch nicht so sehr für den Rest der Anschaulichkeit der Atmosphäre des Nebels oder für seine materielle Grundlage, den Kondensattröpfchen, sondern für deren Präsenz als Gefühl in dem Menschen, der in sie gerät.

So wie die Tröpfchen auf ihre Weise objektiv gegeben sind, so ist auch in Schmitz` Neuer Phänomenologie das Gefühl selbst räumlich ausgedehnt und somit objektiv gegeben. Ein solcher „Gefühlsraum“, etwa die morgendliche Frische, erfasst auch den Menschen, der in einer anderen Stimmung (in jener der Müdigkeit etwa) ist, weil diese Atmosphäre nicht einen Einfluss auf diese Stimmung hat, sondern selbst eine ist. Der müde Mensch, dessen Müdigkeit nach Schmitz nur als leibliche Regung aufzufassen ist, bemerkt in seiner Müdigkeit die Anwesenheit dieser anderen Stimmung, ohne sich von ihr einfangen lassen zu müssen. Gerät man in eine Atmosphäre, so ist man in ihr nach Schmitz so wie in einer Gaswolke, nur dass diese Wolke nicht notwendig einen Gefühlsraum darstellt. Umgekehrt bedarf die Atmosphäre keinerlei materiellen Träger, insofern sie als Quasi-Objekt nicht in der Raumzeit des Materiellen gegeben ist.

Von den überpersönlichen Atmosphären wie etwa der Sonntagsstimmung sind die Atmosphären personengebundener Gefühle (Trauer z.B.) geschieden. Diese werden zwar nur von einer Person erlebt, sind aber Schmitz zufolge dennoch räumlich ergossen. Schmitz` Grundidee ist es dabei, dass es ein Erlebnisfeld durchstimmender Atmosphäre gibt, welche über diese Person hinaus geht und entsprechend wie die überpersönlichen Atmosphären ergreifend wirkt (Abgründigkeit), wie etwa die Trauer.

Lust und Unlust sind dabei nicht die Merkmale des Gefühls der Atmosphäre, sondern treten erst in der leiblichen Ergriffenheit ein, d.h. erst in jenem Fall, in dem eine leibliche Regung vorliegt. Im Falle des müden Menschen ist die leibliche Regung „Müdigkeit“ so stark, dass das Gefühl „Frische“ nach Schmitz ohne (Un)lust bleibt. Begegnendes Gefühl und affektives Betroffensein als (Un)lust sind mithin nicht notwendig ineins gegeben, so dass Gefühle ohne Lust oder Unlust auftreten können (und vice versa).

Wesentliches Kennzeichen der Atmosphären ist es also, dass sie nicht Projektionen des Subjektes auf die Umgebung sind, so dass der Beobachter eines Tales Heiterkeit oder Melancholie nur für sich empfinden würde, sondern dass das Gefühl das Subjekt erfasst. Diese exzentrische Gefühlstheorie bezeichnet Schmitz auch als Anti-Introjektionismus, nach welchem die Idee abgelehnt wird, Gefühle seien Produkte des Empfindenden und würden auf die Umgebung nur von diesem übertragen.

Schmitz` ontologische Untersuchungsebene ist damit durch die Gegensatzpaare „Innen – Außen“ und „subjektiv – objektiv“ bestimmt. Henrys Leitfrage, was denn die Präsenz des Gegebenen ermögliche, kommt bei Schmitz hingegen nicht vor. Daher kann Schmitz Atmosphären, Stimmungen und leibliche Erregungen nur von ihrer Räumlichkeit und ihrer Objektivität her unterscheiden. Solche Unterschiede, so richtig oder falsch sie auch immer sein mögen, setzen jedoch das Sich-Gegebensein bereits voraus, ohne es zu hinterfragen. Schmitz und Henry begegnen sich also von daher nicht, als dass sie sich auf verschiedenen ontologischen Ebenen bewegen. Michael Hauskellers Atmosphären erleben (1995) drückt die Problematik auf seine Weise so aus: „Eine völlige Entsubjektivierung und Substantialisierung der Gefühle, so wie Schmitz sie betreibt, ist ebenso irrig wie das andere Extrem ihrer vollständigen Subjektivierung. Was beide Ansätze übersehen, ist der Seinsmodus der Wahrnehmung, der als Subjekt und Welt aneinander bindendes Zwischen verstanden werden kann. Eben dieses Zwischen ist der genuine Ort der Gefühle und ihrer Atmosphären (…).“ (1995, 31). Hauskellers Beschränkung auf das Sich-Gegebensein der Wahrnehmungen, die von Gernot Böhmes Ästhetik als allgemeiner Wahrnehmungslehre inspiriert ist, wird von Henry nicht vorgenommen, aber im Kern findet sich bei Hauskeller gerade die entscheidende Kritik an Schmitz: mit seiner Positionierung als Anti-Introjektionist bezieht er auf einer ontologischen Ebene einen extremen Standpunkt, welcher auf der Ebene der Problematik des Sich-Gegebenseins dazu führt, diese Problematik nicht mehr sehen zu können. Denn wenn diese Problematik von Schmitz anerkannt werden würde, so wäre die These von der Objektivität der Gefühle als Räumliches nicht mehr haltbar. Insbesondere die Trennung von Gefühl und (Un)lust würde in sich zusammenfallen, da nicht ersichtlich ist, wie sich ein Gefühlsraum ohne Gegenverwirklichung in der Selbstaffektion selbst gegeben sein kann, eine Selbstaffektion, die ohne die intensive Differenz von Leid und Freude nicht geleistet werden kann. Das allgemeine Merkmal der Stimmungen in Anlehnung an Henrys Nacht, wonach das Wie ihres Gegebenseins in der Selbstaffektion besteht, ohne ein Was in der distinkten Anschauung zu besitzen, kann mithin von Schmitz nicht erfasst werden.

Während nun bei Heidegger die Stimmungen an das Verstehen ausgeliefert sind und bei Schmitz an den Anti-Introjektionismus, bezieht sich Henrys Fassung des Sich-Gegebenseins auf das Wie dieser Selbstpräsenz. Den verschiedenen Auffassungen von dem Begriffsfeld „Aura, Atmosphäre, Stimmung, Atmosphärisches“ liegen also unterschiedliche ontologische Annahmen zu Grunde: bei Heidegger gibt es eine Differenz zwischen Sein und Seiendem, bei Schmitz zwischen „objektiv/subjektiv“ sowie das Bestreben die Differenz zwischen „Innen/Außen“ neu zu bestimmen und bei Henry eine absolute Einheit zwischen Transzendenz und Immanenz.

Heidegger, Schmitz und Michel Henry haben allerdings die Gemeinsamkeit, die cartesische Setzung von klarem und distinktem Erkennen als den Realitätserweis schlechthin zu überwinden. Erkennen und Sich-Befinden sind bei ihnen getrennt, so dass insbesondere den Stimmungen als das cartesisch Dunkle keineswegs notwendig eine marginale Rolle als Realitäten zukommt; im Gegenteil sind die Stimmungen bei ihnen wesentlicher Aspekt des Daseins. Die affektiv bestimmte Realität der Stimmungen ist bei Schmitz jedoch die Realität eines Gefühlsraumes, die sich jeden Menschen, der in diesen Raum gerät, als Fremdaffektion aufdrängt. Der „Ort“ der Wirklichkeit der Stimmungen ist somit außerhalb des Menschen situiert, wie auch bei Heidegger, für den das Sein des Seienden von den Stimmungen verdeckt wird, es sei denn, es handelt sich um die der Angst oder um bestimmte Formen der Langeweile, die den Menschen auf sich selbst zurückwerfen und so ein bestimmtes hermeneutisches Potenzial entfalten können, den Menschen auf den fehlenden Seinssinn hinzuweisen.

Zwar ist bei Heidegger Dasein insgesamt durch das Existenzial der Befindlichkeit ausgezeichnet, aber diese Affektivität fungiert letzthin nur als etwas, welches ihr Wesen nicht in sich hat. Anders bei Henry: das Wesen des Seienden ist bei ihm stets im Wie des Sich-Gegebenseins zu finden. Diese Situierung des Seins ist vor der konkreten Bestimmung Henrys des Wie als Selbstaffektion für unsere Zwecke leitend, weil sich damit die Realität der Stimmung nicht in einem Erkennen, einem Seinsverstehen oder einem Gefühlsraum erweisen muss, sondern auf absolute Weise für sich steht. Was eine konkrete Stimmung ausmacht ist bei Henry immer in der Stimmung selbst gegeben, so dass jedes Außen ausgeschlossen ist, und zwar richtig verstanden nicht im Ausschluss der Fremdaffektion, insofern diese wie gesehen nicht auf der ontologischen Ebene der Selbstaffektion zu finden ist. Anders formuliert wird durchaus gesehen, dass Fremdaffektionen Stimmungen auslösen können, etwa die Nacht oder der Nebel, aber niemals selbst hervorzubringen vermögen. Die Nacht als solche kann bei einem Menschen niemals eine Stimmung der Nacht auslösen; erst die Nacht des Novalis vermag dieses und erst diese Nacht verhindert, dass ein Realitätsindex wie jener der Naturalismen die Stimmungen als im Grunde marginal ausgibt.

Sebastian Knöpker