Phänomenologie des Durchscheinens

Wo etwas hindurch scheint, muss man nicht immer etwas halb Verborgenes sehen. Durchscheinen kann aber auch bedeuten, das sich Wahrnehmung und Phantasie vermischen, so dass Bedeutungen im Blick auf etwas versteckt sein können, die nicht optisch erahnt werden. Was so den Paranoiden verrückt macht, weil hinter dem, was sich ihm zeigt, noch eine verborgene Schicht an Sinn versteckt, kann allerdings auch viel Lust erzeugen. So ergibt sich eine Phänomenologie des diaphanen Hedonismus.

Diaphaner Hedonismus

Sebastian Knöpker

Diaphan meint ein Durchscheinen durch ein vordergründig Präsentes hindurch. Das klassische Beispiel für das Diaphane ist das Palimpsest, ein Pergamentpapier, welches neu beschrieben worden ist und hinter einer dünnen Schicht Tünche noch das darunter Geschriebene durchschimmern lässt. Das Diaphane gewinnt hedonistische Qualitäten, wird ein Anschein erzeugt, der etwas Attraktives hinter dem vordergründig Gegebenen vermuten lässt und so als Anschein bereits eine Freude ist. Grundbeispiel hierfür ist im erotischen Bereich das Negligé, das Formen und Farben durchscheinen lässt.

Diese Art des Diaphanen, in der im Medium des Optischen etwas durchscheint, lassen wir im Folgenden beiseite und beschäftigen uns mit einem Sich-Abzeichnen, das keinerlei Restsichtbarkeit mehr benötigt. Was nämlich durchscheint, muss überhaupt nicht in einer Form der Anschauung gegeben sein, was sich in einer einfachen Analyse einer jeden optischen Wahrnehmung zeigt. Demnach gilt: der optisch wahrgenommene Gegenstand „Haus“ ist nur dann ein Gegenstand, wenn er mehr als bloße Vorderfront ist. Da aber nur diese Vorderansicht gesehen wird, ist ein Unterschied zwischen Gegenstand und Teilansicht dieses Gegenstandes in aktueller Anschauung zu machen. Im Falle der Hauswahrnehmung besteht der Überschuss des Gegenstandes gegenüber der aktuellen Anschauung in den nichtaktualisierten Seiten- und Rückansichten. Der Gegenstand braucht also mehr als eine Ansicht, um Gegenstand zu sein.

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