ABC der Phänomenologie: Zeit und Musik – Ernst Kurth

Was Zeit ist, lässt sich durch das innere Zeitbewusstsein klären. Das wiederum lässt sich durch die phänomenologische Analyse der Musik erhellen. Die abstrakte Frage nach der Zeit wird so auf ein nicht mehr ganz so vages Thema zurückgeführt (Zeitbewusstsein), das seinerseits zu der praktischen Materie der Musik führt.

 

Der österreichische Musikwissenschaftler Ernst Kurth (1886 – 1946) hat diese Verbindung von objektiven Schallereignissen in der Welt zum subjektivem Zeitempfinden in seinen Werken über Johann Sebastian Bach, Anton Bruckner und Richard Wagner plastisch dargestellt. Er kannte die Phänomenologie, sowie auch Husserl und Heidegger den Namen nach, hat sich davon aber nie beeinflussen lassen. Das Resultat ist eine Phänomenologie des Hörens, die einen alternativen und auch leichteren Zugang zur Phänomenologie insgesamt ermöglicht.

 

Ernst Kurth: Grundlagen der Melodik

 

Melodie ist Bewegung. Es ist verfehlt, nur die akustisch-klanglichen Erscheinungen, das Tönen und die Töne selbst mit all ihren latenten harmonischen Beziehungen als die wesentlichsten und die eigentlich bedeutsamen Momente des Melodischen herauszugreifen, ohne auf Zusammenhänge mit Empfindungen eines Kräftevorgangs zwischen den Tönen zu achten. Mit ihnen ist das melodische Fortschreiten über die verschiedenen Tonhöhen hinweg untrennbar und ursprünglich verknüpft. Auf bewegtes Geschehen deutet schon die psychologisch oft sehr feinsinnig nach den richtigen Wegen weisende Sprache, indem sie auf Ausdrücke wie „melodisches Fortschreiten" hintastet, oder auf Redeweisen wie melodischer „Lauf", „Gang", „Fluss", „Schwung", „Sprünge", „Entwicklung" u. a. ; auch die meisten auf melodische Gestaltung bezüglichen Begriffe, sogar Bezeichnungen für größer entwickelte Formbegriffe in melodisch angelegter Satztechnik, wie z. B. „Fuga“ enthalten einen Einschlag von Bewegung, die mit dem melodischen Verlauf verknüpft ist. Fast alle Ausdrücke, die das Melodische betreffen, spiegeln die in ihm liegende Verquickung von klanglichen und Bewegungsempfindungen wieder, sowie die Anschauung von Vorgängen im Raum und von einer Art greifbarem Geschehen bei der in Gestaltung und Fluß befindlichen melodischen Verarbeitung. Diese Empfindungsverknüpfungen geben den Schlüssel für das Eindringen in das Wesen der melodischen Linie und ihre für die Musiktheorie bedeutsamen Triebkräfte. Der Grundinhalt des Melodischen ist im psychologischen Sinne nicht eine Folge von Tönen (ob nun in primitivem oder in tonalem, d. h. im Sinne der harmonischen Logik bereits organisiertem Zusammenhang), sondern das Moment des Übergangs zwischen den Tönen und über die Töne hinweg; Übergang ist Bewegung. Ein zwischen den Tönen waltender Vorgang, eine Kraftempfindung, welche ihre Kette durchströmt, ist erst Melodie. Das äußert sich schon darin, dass wir auch einen melodischen Zusammenhang gar nicht als einen aus lauter einzelnen, der Reihe nach vom Gehör aufgenommenen Tönen sich summierenden Eindruck, sondern als linear verlaufenden, geschlossenen Zusammenhang aufnehmen. Das Wesentliche ist die Empfindung der Verbindung der Töne und die Art dieser in unserem Empfinden vorliegenden Verbindung der Töne ist durch jene Kraft bestimmt, welche die Erscheinung des Melodischen überhaupt gründet.

 

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