Ellen Wilmes: Der Verlust der Aktion in der Re-aktion

Die Auseinandersetzung mit der Frage nach Aktion und Reaktion wird in der Regel der Psychologie zugeordnet. Reiz-Reaktion-Schemata werden untersucht, ana-lysiert, Schlüsse gezogen und in einer Auswertung dem Prozess des Schemas ein Wert zugeordnet, der sich in der Realität wiederspiegelt.

Zum Beispiel schreibt Jeremy Hayward in seinem Buch über die Erforschung der Innenwelten mit den Worten von Norman Dixon, Professor für Psychologie an der Universität London: „Diese Resultate, […], sind so verläßlich, daß sie jetzt bei den Ausleseverfahren für künftige Piloten bei den Luftstreitkräften Norwegens und Schwedens […] als Test für unbewußte Abwehrmechanismen eingesetzt werden.“ Das heißt, Untersuchungen an Probanden haben ein bestimmtes Verhalten auf bestimmte Reize ausgelöst. Die Ergebnisse der Untersuchungen wurden im Anschluss integriert in den Alltag der Menschen.

Was hier geschieht, bedarf einer philosophischen Reflektion. Denn stellt sich hier nicht die Frage, inwieweit der Mensch sich selbst Grenzen setzt? Braucht er diese Grenzen? Ist eine von Menschen ausgedachte Untersuchungsform für Menschen menschenwürdig? Doch bleiben wir bei der Aktion und Reaktion. Der Tier- und Pflanzenwelt wird eine nicht bewusste Reiz-Reaktion zugewiesen. Schopenhauer nennt dies: „Handeln […] ohne Motiv […] der Wille auch ohne alle Erkenntniß thätig ist.“ Der Mensch hebt sich durch seine Bewusstseinsaktivität davon ab. Er führe „jede Handlung aus der Wirkung des Motivs auf den Charakter mit strenger Nothwendigkeit“ aus, sagt Schopenhauer. Doch belegen zum Beispiel jene Untersuchungen von Professor Dixon in London, dass der menschliche Proband Handlungen vollzieht und Reaktionen zeigt, die von unbewussten, „subliminale[n] Reize[n]“ beeinflusst sind.

Unseren Reaktionen geht also „etwas“ voraus. Und hier setzt die Frage dieser kleinen Untersuchung an. Was ist dieses „etwas“, das voraus geht? Ist die Reaktion wirklich Reaktion? Ist das, was vorausgeht und das, was scheinbar folgt, ein Beziehungsgefüge? Gibt es noch eine andere Möglichkeit der Beschreibung dieses Geschehens, dieser Erscheinung?

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Die Autorin: Ellen Wilmes nahm nach beruflichen Laufbahnen als Kinderkrankenschwester, Lehrerin für Mathematik und Ökotrophologie und Lehrerausbildende für den Fachbereich Mathematik das Studium der Philosophie in Marburg an der Lahn auf. Sie beendete den Master-Studiengang 2014. Heute arbeitet sie selbstständig in ihrer philosophischen Praxis und als Zen-Lehrerin. Sie hält Vorträge mit dem Schwerpunkt zenbuddhistische Philosophie. Nach dem Masterstudiengang nahm sie eine Promotion auf.