Kandinsky: Punkt und Strich zur Fläche

Phänomenologie zeichnet sich dadurch aus, vom Allerkleinsten auszugehen und daraus eine Welt zu machen. Kandinsky macht das mit dem Punkt, dem kleinsten graphischen Element. Der einzelnen Punkt ist zunächst Nichts, gewinnt dann aber an Einfluss über den Raum ringsum und macht ihn lebendig.

Kandinsky betreibt also eine Phänomenologie aus dem Nichts und erzeugt eine „unmögliche Welt“ für sich, die auf einem bestimmten Blick beruht, der das Gegenständliche verlässt und eine neue Ordnung der Dinge findet. Diese Verlebendigung von Punkten und Strichen entwickelt eine Phänomenologie, die schlicht vorgetragen wird und ihren „Punkt“ macht.

Phänomenologie beißt leider sich oft an dialektischer Kritik die Zähne aus und will die Gegensätze zwischen Innen/Außen, subjektiv/objektiv, Möglichkeit/Wirklichkeit auflösen. Dabei stützt sie stark auf die Fehler und versäumten Chancen der Philosophiegeschichte und richtet sich in ihrer Kritik ein, ohne selbst konstruktiv zu werden. Merleau-Ponty mit seiner Leibphilosophie ist ein gutes Beispiel für ein Abrissunternehmen, das immer weiter geführt wird, weil der Leib nicht in eine Fülle überführt werden kann, wo er für sich steht.

Kandinsky kennt die Phänomenologie nur vom Hörensagen und kommt daher gar nicht auf die Idee, sich von den Versäumnissen der Philosophiegeschichte zu ernähren. Er entwickelt eine Phänomenologie aus sich selbst heraus und rutscht nicht in ewige Kritik und eine durchgehende Anklage ab. Phänomenologie ist ein einfaches Geschäft und dann auch wieder nicht. Was das bedeutet, zeigt der folgende Text um den „Punkt“.

Kandinsky: Punkt und Strich zur Fläche – der Punkt (PDF, 32 S.)