Max Scheler: Phänomenologie des Simulanten

Der Simulant ist phänomenologisch ein Glücksfall, weil er nicht einfach bewusst lügt, sondern die Lüge unbewusst in sich arbeiten lässt. Die dadurch entstehende Mischung aus Phantasie und Wahrheit und aus Aktivität und Passivität ergibt ein Lehrstück für die Phänomenologie des Bewusstseins.

Max Scheler untersuchte das Simulantentum am Beispiel der so genannten Rentenneurose, bei der es darum geht, durch Simulation von Arbeitsunfähigkeit eine Rente zugesprochen zu bekommen. Dabei zeigt sich, dass der einmalige Entschluss, in die Simulation einzusteigen, eine Eigendynamik entwickelt, in der Lüge und Wahrheit miteinander vermischt werden. Der Simulant verkörpert so sehr das Bild, das er von sich abgeben will, dass er selbst zu ihm wird.

Max Scheler: Zur Psychologie der Rentenhysterie (ophen.org)

Quelle :  Archiv für Sozialwissenschaften und Sozialpolitik, 1913, 37 (2), S. 521-534