Phänomenologie als Experiment: Passivität

Passivität ist in der Phänomenologie nicht das Gegenteil von Aktivität, also nicht das Einwirken einer Kraft von Außen. Im Gegenteil bedeutet Passivität bei Husserl, dass nicht das Ich macht und tut, sondern aus dem Selbst heraus etwas hervorgebracht wird. Passivität heißt also so viel, dass etwas in mir geschieht, das nicht von meinem Ich gesteuert wird, aber auch nicht von Außen kommt.

Passivität lässt sich ganz einfach dadurch verstehen, dass man sich eine Beschäftigung sucht, die das wache Ich nicht leisten kann und die auch nicht von selbst geschieht. Das ist zum Beispiel beim Kneten und Falten von Blätterteig der Fall. Anmischen, Verrühren und Falten des Teigs sind so schwierig, das nicht das reflexive Ich aktiv wird, sondern sich die Hände verselbstständigen, von sich aus tätig werden.

Angenommen, man liest ein Rezept für Blätterteig und setzt es Schritt für Schritt um, dann ist da zunächst die Sprache, die vom Ich reflexiv aufgefasst wird und langsam aber sicher durch einige Übung in das Leibgedächtnis überführt wird. Beim dritten oder vierten Anlauf wird der Blätterteig dann gelingen, weil man nicht mehr nachdenken muss, was man da eigentlich macht. In dem Fall hat man genau die Mitte zwischen Aktivität und Passivität von Außen gefunden.

Blätterteig besteht aus einer Schicht Teig und einer Schicht Butter. Beim Backen verdampft das Wasser in der Butter und hebt die einzelnen Teigschichten voneinander ab. Damit das gelingt, muss der Teig aber lückenlos mit Butter ausgekleidet werden. Da die Butter leicht klebrig wird und mit dem Teig verzottelt, braucht es das richtige Fingerspitzengefühl für das Ausrollen und Falten des Teigs. Physikalisch geht es darum, die richtige Konsistenz von Teig und Butter vor sich zu haben, damit loslegen kann. Aber praktisch geht es nicht so sehr darum, mit dem Thermometer die Temperatur zu messen und gegebenenfalls noch einmal nachzukühlen, um dann loszuwalzen. Die richtige Konsistenz zeigt sich den Händen unmittelbar. Das Gefühl, das die Konstellation stimmt oder noch etwas unstimmig ist, entscheidet, ob und was die Hände selbstständig machen.

Die passive Synthesis, das große Thema in Husserls Spätwerk, heißt damit also, dass eine Intelligenz, ein zielgerichtetes Handeln ohne Ich möglich ist. Husserl hat diese so genannte Triebintentionalität als genetische Phänomenologie bezeichnet. Im Frühwerk neigte er zur statischen Phänomenologie, also dazu, den Prozess der Heranbildung zu vernachlässigen, um die Resultate umso stärker herauszustellen. Husserls Nachfolger Michel Henry, Emmanuel Lévinas und Marc Richir haben diese Passivität noch einmal je für sich aufgenommen und daraus die Gabe (Henry, Lévinas) bzw. die „wilden Wesen“ (Richir) gemacht.

Sebastian Knöpker