Michel Henry: Können des Lebens – Schlüssel zur radikalen Phänomenologie

Michel Henry kennen die meisten dem Namen nach. Aber will man ihn deswegen auch lesen? Das ist nicht so sicher, weil vorwiegend seine Spätwerke ins Deutsche übersetzt worden sind, gut christliche Pamphlete. Was ist aber mit dem Michel Henry vor der christlichen Wende? Was ist mit der Phänomenologie des Lebens, die sich mit der Ontologie, der Psychoanalyse, der bildenden Kunst und der Ökonomie beschäftigt hat?

Zu diesen Themen ist nun ein Sammelband mit kurzen Texten Henrys herausgekommen, der von einem Aufsatz Rolf Kühns eingeleitet wird. Darin wird der Frage nachgegangen, ob die Phänomenologie des Lebens Teil der Lebensphilosophie ist oder eine transzendentale Grundlegung des Lebens als Prinzip aller Phänomenalität darstellt. Da niemand zur Lebensphilosophie (Nietzsche, Bergson, Simmel u.a.) zugeordnet werden will, ist die Antwort eindeutig: die Lebensphänomenologie Michel Henrys unterscheidet zwischen Leben als Gefühl und Leben als Affektivität, welche alles Bewusstsein (Phänomenalität) erst ermöglicht. Darin ist sie Kühn eine Wissenschaft, genauer die prima philosophia.

Der folgende Aufsatz Henrys „Nicht-intentionale Phänomenologie und Gegen-Reduktion“ (S. 28-45) will genau das unter Beweis stellen. Seine Kernaussage ist es, dass Phänomenalität als Selbstgebung zu verstehen ist, als Selbstaffektion, durch die jede Fremdaffektion erst möglich wird. Bewusstsein beruht demnach immer und ohne jede Ausnahme aus einem Sich-Erscheinen als Tautologie. Diese Tautologie ist jedoch keine Sackgasse, insofern sie durch die Affektivität als Selbstbezug gebildet wird, der es ermöglicht, dass man sich als Lebendiger selbst erscheint (phänomenalisiert).

Nach diesem zentralen Text über die Methodik der Lebensphänomenologie folgt ein Ausflug in die Psychoanalyse und in das Werk Schopenhauers als Wegbereiter des Unbewussten unter dem Titel Die Frage der Verdrängung nach Schopenhauer und Freud (S. 46-62). Henry will dabei zeigen, dass Schopenhauer wie Freud auf halben Wege stehen geblieben sind, indem sie das Unbewusste nicht auf das zurückgeführt haben, was es fundiert, nämlich die vor jeder Hermeneutik stehende Affektivität als Einheit zweier affektiver Tonalitäten, dem Sich-Erleiden und dem Sich-Erfreuen.

Ein ganz anderes Thema wird im nächsten Aufsatz verhandelt, das jedoch zur selben Konklusion gebracht wird. Es handelt sich um die bildende Kunst, genauer um Das Geheimnis der letzten Werke Kandinskys (S. 63-75), in denen das unsichtbare Leben als Affektivität doch zum Sehen gebracht wird. Denn die Punkte, Striche, Linien und Flächen auf Kandinskys Bildern und Grafiken ermöglichen eine natürliche Epoché für den geneigten Betrachter, die jede Intentionalität ausschließt und so den Bogen zu den vorhergehenden Texten spannt: Leben ist immer transzendentale Affektivität, sei es das Unbewusste, das Intentionale oder das, was in der äußeren Wahrnehmung geschieht.

In den folgenden beiden Beiträgen Die Krise des Okzidents (S. 76-89) und Zur Krise des Marxismus (S. 90-113) geht es dann um die Krise der Kultur, ausgelöst durch die moderne Wissensgesellschaft und die Reduktion der Ökonomie auf Äquivalente des Lebens. Henry kritisiert dabei nicht nur den Marxismus, sondern jede Form der Ökonomie, die reduktionistisch auftritt und sich nicht für die „lebendige Arbeit“ interessiert. Kapitalismuskritik ist damit inklusive.

Abschließend geht es um die Frage: Was ist eine Offenbarung? (S. 114-122). Jedes Phänomen ist demnach eine Offenbarung, sofern es in Bewusstsein besteht, also eine Selbstgebung in der Selbstaffektion ist. Doch ist diese Offenbarung als Phänomenalität noch weiter auf ihren Ursprung hin zu untersuchen, den Michel Henry in der Selbstumschlingung von Christus und Gott sieht. Diese These ist natürlich verdächtig christlich-theologisch, genauer katholizistisch angelegt, doch wird sich kein katholischer Theologe damit anfreunden können. Denn die Katholiken haben bereits ihre Dogmen und die Philosophen wiederum sind äußerst kurz angebunden, hören sie solche narrativen Konstruktionen. Für eine Philosophen fehlt hier der Aussagecharakter, weil keine These behauptet wird, sondern eine uralte Erzählung aus dem Neuen Testament (Johannes-Prolog) wiedergekäut wird.

Fazit: Die 127 Seiten des Büchleins machen kaum Lust auf mehr Lebensphänomenologie. Dafür besser geeignet ist der Sammelband Affekt und Subjektivität (2005 plus Nachauflagen), der weniger propädeutisch angelegt ist und das Prinzip der Selbstaffektion besser verständlich macht. Der vorliegende Band spricht eher kulturkonservative Denker mit katholischem Hintergrund an, die im Christentum die Rettung aus der Seinsvergessenheit sehen.

Sebastian Knöpker

 

Michel Henry

Können des Lebens

Schlüssel zur radikalen Phänomenologie

128 Seiten, Kartoniert

[D] 24,-

ISBN: 978-3-495-48925-3