Rudolf Otto: Das Kreaturgefühl

Das Kreaturgefühl meint das Empfinden von Abhängigkeit und bezeichnet phäno-menologisch eine radikale Passivität. Bekannt ist es von der Liebe oder vom Kreaturgefühl in religiöser Erfahrung, wie Rudolf Otto dieses in Das Heilige (1917) geschildert wird.

Obwohl von Husserl (passive Synthesis), Michel Henry (passibilité), Lévinas und Marc Richir (être sauvage) in der Phänomenologie oft thematisiert, fehlt eine deskriptive Erfassung der Grundformen der Passivität weithin. Husserl hat zwar in Analysen zur passiven Synthesis (1960) und in Die C-Manuskripte (2006) einzelne Beispiele skizziert, hat sich aber nicht auf den Erscheinungsreichtum reiner Passivitätserfahrungen eingelassen. Ähnlich verhält es sich bei Hermann Schmitz, der Anmutungen von Atmosphären wiedergibt, ohne dabei aber aus seinem System der Neuen Phänomenologie ausbrechen zu wollen. Bei Husserl und Schmitz dominiert zu ungunsten der Phänomenlage der jeweilige Systemgedanke, während bei Michel Henry und Lévinas je die starke Tendenz herrscht, von einer transzendentalen Passivität zu reden, um so das Phänomen selbst zu meiden. Henry und Lévinas bilden zudem mit Jean-Luc Marion eine theologische Phänomenologie, die an das Christentum bzw. Judentum gebunden ist und so die Phänomenologie selbst verlässt.

Rudolf Otto schreibt zwar ebenfalls aus christlicher (protestantischer) Sicht, kann aber die (Un)lust am Gefühl der Abhängigkeit phänomenologisch deskriptiv in wesentlichen Punkten einfangen. Sein Text über das Kreaturgefühl ist ein Klassiker, der den Idealismus von Schleiermacher bezüglich des Gefühls der Abhängigkeit auf den phänomenologischen Punkt bringt und zugänglich macht.

 

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Auszug aus: Das Heilige, Über das Irrationale in der Idee des Göttlichen und sein Verhältnis zum Rationalen. Trewendt & Granier, Breslau, 3. Aufl. 1920 , Kap. 3, S. 8-12