Georg Simmel: Phänomenologie von Form und Inhalt

Das Phänomen der Treue schafft sich aus einer Form heraus Inhalte. Aus der bloßen Wiederholung und Gewöhnung wird so ein Gefühl, die Treue, auf deren Basis weitere Gefühle, wie etwa die Sympathie oder sogar Liebe entstehen können. Georg Simmel hat diese Struktur, die Gefühle hervorbringt, sehr genau eingefangen.

Phänomenologisch ist dieser Übergang von Gestalt zu Gefühl schwer zu erfassen, weil man dabei nicht beim Phänomen deskriptiv beginnen kann, sondern mit einer Struktur, die eben keine konkrete Erscheinung hat. Aus der Abstraktion ergibt sich das Konkrete, was eine Denkrichtung gegen den phänomenologischen Strich ist. Bei Husserl werden zwar Raum und Zeit kantianisch als Konstitutionsformen aufgefasst, die vor jedem konkreten Phänomen gegeben sind. Die Gewöhnung jedoch ist als Struktur gegenüber von Raum und Zeit eine anonyme und jedem Inhalt denkbar ferne Kategorie. Aus ihr auf den Übergang zum Inhalt zu schließen, bietet sich von der Sache her nicht an. Simmel hat jedoch diesen Schluss vollzogen, der phänomenologisch bedeutsam ist, weil er die Apperzeption nicht nur als Akt der Konstitution auffasst, sondern auch als ontologische Fundierung seiner selbst. Andere Phänomene wie z.B. die Souveränität lassen sich so ebenfalls verstehen.

Georg Simmel: Treue – ein sozialpsychologischer Versuch [PDF]