Phänomenologie der Sukzession

Sukzession meint in der Phänomenologie eine Zeitigung der Zeit. Die Zeit ist nicht einfach im Horizont der Welt vorhanden – sie wird in einer Synthese hervorgebracht und so gezeitigt. Sukzession im Besonderen meint die Einheit von Vergangenheit, Gegenwart und Antizipation.

Ein Akkord bezeichnet das gleichzeitige Erklingen dreier Töne, die eine Harmonie ergeben. Ein gebrochener Akkord besteht in der zeitlichen Versetzung der Einzeltöne, die kurz nacheinander ertönen und im Bewusstsein wieder zu einer Gegenwart zusammengeführt werden.

Die zeitliche Versetzung der Akkordtöne macht beim Wein Sinn, wo drei oder mehr unterschiedliche Aromen eine harmonische Gesamtwirkung haben können. Da im Schmecken die Verschmelzungstendenz unter Dominanz eines Aromas oder Abschwächung der je einzelnen Aromen zu einer Gesamtwirkung stärker ist als beim musikalischen Akkord, ist die Sukzession oft notwendig, um die Fähigkeiten zur Zeitigung der Zeit nicht überzustrapazieren. Denn ein Rotwein, selbst wenn er aromatisch differenziert ist, wird in der Regel keinen Akkord haben, der über eine vage Ähnlichkeit mit dem musikalischen Akkord hinaus geht.

Aber er kann sich eines zeitlich leicht versetzten Akkords bedienen, bei dem drei Aromen kurz hintereinander geschmeckt werden. Was in der Musik Arpeggio (gebrochener Akkord) genannt wird, ist z. B. bei einem Spätburgunder anzutreffen, der im Schmecken und Riechen seine Aromen so nah nacheinander aufgehen lässt, dass ein geschmacklicher Akkord erzielt wird.

Edmund Husserl schreibt über das Phänomen der Sukzession in Philosophie der Arithmetik (1891) und in den Vorlesungen zur Phänomenologie des inneren Zeitbewusstseins (1928). Ihm geht es nicht um eine hedonistische Phänomenologie, sondern um die Genese des logischen Urteils. Entsprechend interessiert er sich nicht für Spätburgunder, sondern für den Urteilsvollzug als Grundbedingung seiner eidetischen Phänomenologie.

Sebastian Knöpker