Phänomenologie als Erlebnis

Phänomenologie als Erlebnis bezeichnet den Sprung des Phänomens in die Theorie oder umgekehrt den Sprung der Theorie in die Praxis.

Wer fünf Euro aus der Hosentasche verliert und das später bemerkt, macht das Abstrakte zum Erlebnis. Abstrakt ist das Stück Papier, das nicht mehr da ist, aber da sein sollte; konkret der Ärger darüber, um fünf Euro ärmer geworden zu sein. Was dabei schlecht für die Vermögensbildung ist, bildet einen Schlüssel für die Phänomenologie als Erlebnis.

In der phänomenologischen Theorie ist die Polyphonie eine apperzeptive Einheit verschiedener Perspektiven auf Basis einer Mehrzahl intentionaler Gegenstände. In der Praxis lässt sich das in der Frankfurter Grünen Soße schmecken, in der Schnittlauch, Petersilie, Kresse, Sauerampfer, Borretsch, Kerbel und Pimpinelle mehrstimmig auf der Zunge zergehen.

Die Polyphonie der Grünen Sauce besteht im sinnlichen Eindruck also darin, lauter erste Geigen zu schmecken. Statt einer Zentralperspektive gibt es so viele Perspektiven wie Kräuter und die Petersilie schmeckt zugleich aus den Perspektiven der Kresse, des Sauerampfers, des Kerbels etc. Diese Vervielfältigung des perspektivischen Geschmackserlebens ist ein Genuss.

Zugleich kann sie ein konkretes Beispiel dafür sein, was Mehrstimmigkeit in der Phänomenologie bedeutet. Diese Theorie nun im Akt zu erleben, ist wiederum eine Lust für sich. Die trockene Formel der Polyphonie als apperzeptive Einheit verschiedener Perspektiven in der Synthese von Protention, Urimpression und Retention wird hier sinnlich erlebt: das phänomenologische Erlebnis ist komplett.

Dabei kann die Theorie in der Praxis zum Erlebnis werden oder umgekehrt macht ein zunächst bloß sinnliches Erlebnis den Sprung in die Theorie der Polyphonie. Abstieg und Aufstieg sind also gleichermaßen erlebnisfreudig. Das gilt auch für die Übersetzung der Polyphonie als Theorie in fern liegende Bereiche: in die Erotik oder in die Musik etwa.

Abstrakte Konzepte wie die Kinästhese, die Assoziation oder die eidetische Variation lassen sich auf diese Weise konkret erleben. Die Phänomenologie ist hier also kein Leseerlerlebnis mehr, sondern ein echtes und vollgültiges Erleben. Sie wird das, was sie der akademischen Phänomenologie nach niemals sein darf: sie wird lebendig.

Sebastian Knöpker