Phänomenologie des Gradienten

Ein Lachsfilet kann man nur von einer Seite her anbraten. Es hat dann einen Gradienten, einen sanften, allmählichen Übergang vom gebratenen zum rohen Fleisch. Setzt man gleichzeitig noch ein Kräutergefälle ein, bei dem die rohe Seite den vollen Kräutergeschmack abbekommt und zum Gebratenen hin abnimmt, schmeckt der Fisch nach einem gegenläufigen Gradienten.

Gradient bezeichnet allgemein die Zunahme (Abnahme) der Konzentration von etwas in Bezug auf seinen Ort. Eine Heizkörper baut im Raum ein Temperaturgefälle auf, nach dem die Wärme in die Tiefe des Raumes hinein abnimmt. Das einseitig gebratene Fischfilet besitzt wiederum einen Texturgradienten, so wie auch verschiedene aromatische Gradienten (Fleischgeschmack roh/gebraten, Kräuter).

Phänomenologisch bedeutet Gradient eine Konstitution von Raum und Zeit, in der eine Zunahme oder Abnahme der Konzentration von etwas (z.B. Widerstand, Möglichkeiten, salziger Geschmack) als Kontinuum erfahren wird. Der Gradient ist demnach keine Messgröße wie in der Physik, sondern eine Hervorbringung des Subjektes, der die hyletischen Daten des Gradienten zu einem sinnlichen Erlebnis macht.

In der erotischen Berührung steht dementsprechend nicht der Temperaturgradient zweier Körper im Vordergrund, sondern der Gradient möglicher Berührungen, der sich zu bestimmten Körperteilen hin verdichtet bzw. abnimmt. Ein Gradient kann sich hin zu einem Limes erstrecken, d.h. zu Körperstellen, die zunächst nicht berührt werden dürfen, so dass die Annäherung an sie eine Verdichtung von Leibpräsenz, Spannung, ggf. Furcht vor Grenzüberschreitung etc. aufbaut.

Diese Gradienten des Berührbaren sind nicht von Vorneherein gegeben, sondern werden im erotischen Geschehen erschaffen. Je nachdem, wie fein und differenziert sich dabei Gradienten bilden, umbilden und auch in ihren Limites erst beachtet werden, um dann im richtigen Moment überschritten zu werden, entsteht ein blindes Verständnis. Zwei Menschen treten in einen Austausch, der sie tendenziell zu einem Subjekt werden lässt, so dass der Gradient die Funktion haben kann, durch Einfühlung zu einer gefühlten Einheit zu werden.

Sebastian Knöpker