Phänomenologie der Absorption

Wer sich in die dumpfe Unklarheit des Selbstbetruges flüchten möchte, lässt sich von seinem Mobiltelefon absorbieren. Man wird darin ohne Sinn und Verstand eingeschluckt. Eine Absorption mit Niveau manifestiert hingegen der Comicleser, der in Bild und Text eingesogen wird. Er betreibt eine Phänomenologie der Absorption.

Absorption ist eine Form der Aufmerksamkeit, eine Hinwendung mit viel Sog. Wer absorbiert wird, der besitzt kaum mehr Distanz mehr zu dem was da absorbiert. Die Selbstreflexion setzt aus, und all das, was nicht Thema der Absorption ist, wird nicht mehr wahrgenommen.

Absorption meint also eine Form der Selbstvergessenheit, die sich von der fokussierten Konzentration darin unterscheidet, dass man von etwas eingefangen wird. Wer sich konzentriert, wendet sich aktiv mit einem Fokus der Aufmerksamkeit auf ein Thema. Wer absorbiert wird, unterliegt in sich einer Passivität, die das wache Ich ausschaltet und stattdessen das Mich („es macht in mir“) agieren lässt.

Eine sehr starke Form der Absorption ist die Hypnose, etwas weniger intensiv das Eingefangenwerden von einem guten Roman und noch weniger absorbierend ist der Handykonsum. Das Mobiltelefon erzeugt dabei meist eine schwache Subjektivität, d.h. das Subjekt ist nicht nur um sein Ich erleichtert, sondern auch um eine Präsenz seines Selbst und führt so zu einer weitgehenden Selbstvergessenheit, die auf die Weise negativ ist, nicht mehr vor sich selbst anwesend zu sein.

Positiv in einem doppelten Sinn ist hingegen die Absorption durch eine HiFi-Anlage, die den Hörer einfängt und nicht mehr loslässt. Positiv bezeichnet hier zunächst die Präsenz seiner selbst unter Hemmung oder Ausschluss des Ichpols und dann auch die Lust daran.

Die Absorptionskraft eines HiFi-Hörerlebnisses besteht nun u.a. darin, die Räumlichkeit z.B. eines Cellos so zu hören, dass es in seiner Position gefühlt wird (links von mir, leicht erhöht von meiner Position aus) und zur Einfühlung verführt. Man versetzt sich dann leicht an den (fiktiven) Ort der Klangquelle und dessen Resonanzkörper, der ein Raum im Raum ist. Was nämlich im Hörraum der Gegenwart erklingt, umfasst auch den Resonanzraum des Instrumentes und den akustischen Raum des Aufführungsortes. Ein Aspekt der Absorption ist also die Einleibung als Ausleibung, das Sich-Hineinversetzen an einen Ort außerhalb des eigenen Leibes.

Sebastian Knöpker