Phänomenologie des Nullpunktes

Links, rechts, oben und unten brauchen immer einen Bezugspunkt. Verschiebt sich dieser Nullpunkt, kann aus „links“ „rechts“ werden und aus „oben“ „unten“. Geschickt macht sich das der Kaffee mit Niveau zu Nutze, der unendliche Übergänge des Geschmacks anklingen lässt. Auch die unendliche Treppe von M.C. Escher beruht auf einer ständigen Variation des Nullpunktes.

Wer eine Felswand hochklettert, verändert seine Nullpunkte immer wieder aufs Neue. Mit jeder Lageveränderung verschieben sich auch die Urkoordinaten der einzelnen Muskelgruppen und apperzipierten Hebelwirkungen. Beim Klettern kann man gut in sich hineinhorchen und eine Ahnung davon bekommen, dass man nicht irgendwo in der Körpermitte auch seinem Urpunkt hat, sondern viele unterschiedliche Nullpunkte in stetem Wechsel.

Beim Hören kommt der Mensch manchmal nicht mit dem Setzen eines Bezugs zur Tonhöhe mit und verschiebt den Urton etwas opportunistisch, also ohne belastbares Wissen und Erkennen. Das kann man sich zu Nutze machen und im kontinuierlichen Übergang zweier Tonreihen ineinander ein Auf- und Absteigen der Tonhöhen zustande bringen, in der ein steter Übergang herrscht, ohne die Gesamtsituation zu verändern. In diesem doppelten Glissando kann es sein, dass der Hörer den tiefsten Ton nicht richtig ermitteln kann, so dass er den Eindruck hat, eine unendliche Melodie zu hören, d.h. ein stetes Steigen oder Fallen des Tones.

Diese Spielerei wird beim Kaffee oder Tee interessant. Denn im Übergang verschiedener Bittertöne ineinander gibt es eine Bewegung von bitter zu bitter, die in sich konsistent bleibt, aber den Maßstab des Bitteren verändern kann. Das vielfache Glissando kann eine stete „Verbitterung“ hervorbringen, also immer bitterer werden, ohne dass die Bitterkeit selbst zunimmt.

In diesem Fall wechselt der Maßstab für die Bitterkeit selbst, d.h. es gibt einen wechselnden Maßstab für das Bittere, der mit dem Verlauf der Bittertöne ineinander selbst sich verändert. Es handelt sich dabei um eine Verwirrung des Urteilsvermögens, um eine Urteilsschwäche, die allerdings einen vorhersehbaren Verlauf hat und kontinuierlich wechselt, so dass entsprechend das Bittere zwar in seinem Empfundenwerden wechselt, aber nicht ruckhaft und auch nicht Schubweise in Bezug auf die Verbitterung bzw. das Nachlassen der Bitterkraft.

Sebastian Knöpker