Phänomenologie der Überlegenheit

Wo Überlegenheit sein soll, muss es auch Unterlegenheit geben. Man kann nur dann über etwas stehen, wenn es darunter etwas gibt. Aber woher bekommt man die unterlegene Materie? Eine Einführung in das Pathos der Distanz für Anfänger.

Einfaches Material für die Überlegenheit sich selbst gegenüber kann ein Lambrusco sein. Der Spumante-Rotwein hat einen freundlichen und hedonistischen Charakter. Nicht umsonst ist er die klassische Beigabe für die Pizzabestellung über 50 €. Lambrusco macht Laune.

Aber man kann auch der Lustwelle standhalten und sich auf eine kleine Verzierung im Wein konzentrieren, um sich so über den sicheren Genuss zu stellen.

Was man davon hat? Man hat eine große Lust, von der man sich nicht vereinnahmen lässt und eine im Verhältnis dazu ganz bescheidene Lust. Das Lüstchen setzt sich aber gegen das große Lustquantum durch und so kommt es zum Gefühl eines hedonistischen Idealismus: ich bin mir selbst in meinem Empfinden überlegen.

Die kleine Lust kann z.B. in der Entschleierung eines Nebenaromas bestehen, das, von einem anderen Aroma vernebelt, sich langsam und unaufdringlich aus dem Schleier löst. Beim Lambrusco sind das manchmal einige brombeerähnliches Fruchtaromen, die zunächst vom Gesamtgeschmack des Weins verdeckt, besonders von seiner Süße und der Kohlensäure, aus dem Schatten hervortreten.

Die Entnebelung des Brombeer-Bouquets ist subtil und passt nicht zum leichten Charakter des Lambrusco. Doch genau dieser Doppelcharakter spricht den Sinn der Überlegenheit des Menschen an. Er kann das Doppelwesen des Weins in sich nachvollziehen, der kleinen Lust der großen den Vorzug geben und so einen inneren Idealismus leben. Eine vornehme Überlegenheit, so wie Nietzsche sie für das Pathos der Distanz forderte, ist hier sicher gegeben.

Die eigene Höhe lässt sich noch steigern, wenn nicht nur das höhere Selbst im Wein geschmeckt wird, sondern das Geschmacksurteil als so weit vom Ego entfernt empfunden, dass man hier die unpersönliche Sphäre der Werte zu erleben vermeint. Idealismus als Erlebnis besteht genau in diesem Kontrast vom schnöden Alltag und dem Ideal. Durch die ausgeprägte Differenz fördert das die Apperzeption des überpersönlichen Ich, das das Ideal erlebt und somit ebenfalls zur Überlegenheit sich selbst gegenüber beiträgt.

Doch macht sich hier nicht eine Phänomenologie im Dienste des Hedonismus über die Werte an sich lustig? So ist es wohl kaum, denn anhand des Lambrusco-Beispiels zeigt sich, wie der Mensch konkret einen Wert und dann noch einen überpersönlichen Eindruck vom Idealismus erleben kann. Werden Wert und Erleben sonst ängstlich voneinander getrennt, kommt es hier zur Zusammenführung beider. Gegen die Zweitrangigkeit des Erlebens setzt der hedonistisch-phänomenologische Ansatz: das Phänomen des Wertes ist der Wert selbst, weil das Phänomen keine Kriterien von außen an sich heran lässt, die es erhöhen oder erniedrigen könnten.

Sebastian Knöpker