Phänomenologie der Kausalität

Verbinde Ursachen mit Wirkungen und glaube dir selbst, lautet ein Grundprinzip der Selbstvergewisserung. Es lässt sich gut bei Kindern beobachten, die Ursachen aus der Luft greifen und sich darin sehr sicher fühlen. Die leere Keksdose wird dann der Mutter so erklärt, das wohl ein Rabe das Gebäck gestohlen haben muss. Durchs Fenster hat er in die Küche geschaut, ist dann ins Haus geflogen und hat dann einen Keks nach dem anderen ausgeflogen.

Die kleinen, fast fertigen Menschen gebrauchen die Kausalität in einem naiven und unschuldigen Sinn und sind fest von der Wahrheit ihrer Ursachenfindung überzeugt. Sie benutzen die Zuweisung von Ursache und Folge auf eine intuitive Weise, weil sie spüren, dass ihnen die Art der Verknüpfung einen sicheren Stand gibt, gerade wenn die Sache selbst ausgesprochen unsicher ist.

Auch der chronisch verspätete Erwachsene hat immer mehr als einen Grund, warum er nicht pünktlich sein konnte. Je größer der Unfug, desto umfassender die Erklärung. Denn im Vollzug kausaler Urteile liegt eine Selbstversicherung, die unabhängig von der Plausibilität der Argumentation ist. Die Selbstvergewisserung als Unbezweifelbarkeit des eigenen Standpunktes wächst also mit dem Vollzug von kausalen Erklärungen.

Es sprechen also nicht die Tatsachen, sondern die kausale Verbindung verschiedener Phänomene schafft eine zusätzliche Tatsache, die Evidenz genannt wird. Diese Unumstößlichkeit ist natürlich ein Erlebnis, ein Gefühl, das mit dem reinen Urteil nichts zu tun hat. Denn es erkennt nicht das Sein einer Ursächlichkeit als Wirklichkeit, sondern bildet seine eigene Realität.

Erkenntnistheoretisch ist die Assoziation von Ursache und Wirkung also nicht gehaltvoll, wohl aber in ontologischer Hinsicht. Denn der Glaube als Evidenz ist nicht ein Glaube an eine Wirklichkeit, sondern die Wirklichkeit selbst. Edmund Husserl nannte diese Form der Modalisierung entsprechend Seinsglaube. Darin kommt die besondere Funktion des Glaubens zum Ausdruck, der sich ontologisch selbst erschafft.

Für David Hume, später für Immanuel Kant und dann für Husserl war diese Art der Selbstverwirklichung eines der zentralen Themen, da sich in ihr Subjektivität und Objektivität kreuzen. Für sie war die Thematik ein unlösbares und unwillkommenes Rätsel.

Für eine praktische Phänomenologie ist das anders, weil mit der kausalen Assoziation ein Zugang zu Formen des Glaubens (an Gott, an Schalke 04, an die Naturwissenschaft) gewonnen wird. Er degradiert den Glauben nicht zu einer Sublimation eines Mangels, sondern bewahrt das Phänomen in seiner Fülle. Zugleich wird nicht der Fehler begangen, die Evidenz von Gott, Schalke oder der Wissenschaft als objektiv über das Phänomen hinaus zu zementieren, da der Evidenzcharakter der Verursachung im Vollzug der kausalen Verknüpfung besteht, nicht in der Kausalität selbst.

Der Vorteil findet sich also in der Unterscheidung von Noema (Gehalt der phänomenalen Erscheinung) zu Noesis (Vollzug des Phänomens als Aktfolge), demzufolge der noetische Aspekt das Noema bestimmt. Üblicherweise geht man davon aus, dass der Gehalt, hier die kausale Verbindung, den Vollzug nur dazu braucht, um sich zu verwirklichen. Noema vor Noesis, so die natürliche Einstellung, dem die Umkehrung „Noesis bestimmt Noema“ entgegen gesetzt wird. Mit dieser umgekehrten Vorgängigkeit lässt sich das Phänomens des Glaubens besser fassen.

Sebastian Knöpker