Unbestimmte Lokalisation

Wer sich einen Himmel einprägen will, wer also die Weite und Tiefe, das Mächtig-Gewaltige des Himmels als Lust erleben möchte, der kann sich an die unbestimmte Lokalisation halten. Dabei handelt es sich um das phänomenologische Prinzip, unfassbare Gegenstände weder als nah, noch als fern wahrzunehmen, wodurch in der Malerei wie beim gehobenen Essen starke Effekte erzielt werden können.

Der graue Himmel erscheint in seiner Entfernung vom Betrachter unbestimmt nah und erzeugt durch diese unklare Lokalisation eine Tiefe und Weite. Weil der Mensch die Atmosphäre in ihrer Ausdehnung nicht direkt erfassen kann, greift er zur List, Anfang, Ende und Umfang des Himmels weder als nah noch als fern zu positionieren. Andere Gegenstände wie z.B. Baumkronen oder Häuser als fest umrissene Gegenstände sind genau örtlich bestimmt, während die Atmosphäre als Lufthülle nicht positioniert werden kann.

Die unbestimmte Lokalisation geschieht ohne jedes aktive Zutun, läuft unwillkürlich ab und erzeugt so eine Tiefenwirkung als Weite als unbestimmte Distanz. Das Gefühl von Tiefe bringt sich in die unabschliessbare Wahrnehmung des Gegenstandes namens Himmel ein und komplettiert das Ungreifbare.

Caspar David Friedrich hat diese Einheit von Affekt und mangelndem Raumbewusstsein in der Wahrnehmung geschickt genutzt. Der Mönch am Meer nutzt die unbestimmte Lokalisation, bei der Mönch, Strand und Meer den Kontrast dazu als räumlich genau bestimmt bilden. Anders ausgedrückt wirken Flächenfarben ohne gegenständliche Auffassung als unbestimmt ausgedehnt, weil der Betrachter ihre Ausdehnung nicht unmittelbar erfassen kann.

Als Konzept hat David Katz die unbestimmte Lokalisation in Der Aufbau der Farbwelt (1930) als erster beiläufig formuliert. Es handelt sich dabei um eine Theorie des Himmels, also um den gefühlten Effekt einer Himmelweite. Darin steckt auch die Praxis, im Schmecken das nicht näher in seiner Extension bestimmbare in eine unbestimmte Lokalisation zu versetzen.

Denn was auf der Zunge geschmeckt wird, weckt nicht den Eindruck eines schmalen Films der geschmeckten Oberfläche. Stattdessen wird dem Geschmeckten eine räumliche Ausdehnung zugeschrieben, so dass z.B. ein kräftiger Rotwein nicht als bloße Oberfläche ohne Tiefe empfunden wird, sondern eine mit Tiefe. Der Geschmackseindruck wird in einer Ausdehnung erfahren, die unmittelbar gar nicht geschmeckt werden kann. Dabei kommt wieder das Prinzip der unbestimmten Lokalisation zur Anwendung, bei der das zum Schmecken gebrachte weder nah noch fern erfahren wird.

Dass von der Wahrnehmung her im Ursprungsakt Unausgedehnte wird als ausgedehnt geschmeckt, was bei einer böhmischen Knoblauchsuppe zur angenehmen Folge hat, einen Himmeleffekt zu empfinden.

Denn in der Suppen aus Milch, Sahne, Butter und Suppenfond wird der Knoblauch unbestimmt lokalisiert geschmeckt: er erhält Tiefe und Weite dadurch, dass er in der Ausdehnung der Suppe im Mund nicht bestimmt werden kann. Was normalerweise nur der Ergänzung unzulänglicher Wahrnehmnungsleistung dient, erzeugt hier eine Lust am Himmel in der Knoblauchsuppe.

Sebastian Knöpker