Phänomenologie vor Ort: Der Bademantel

Im Bademantel kann man wohnen und sich darin einleiben. Die Frottierware ist dann nicht nur eine Hülle, sondern eine vollwertige Behausung. Sie zeigt, was die Phänomenologie der Einleibung sonst nur ganz abstrakt benennen kann.

Man nehme einen nasskalten Novembertag, eine ungeheizte Wohnung, weit geöffnete Fenster und zwei Hausbewohner, die unablässig paffen. Damit der Zigarettenrauch abziehen kann, wird ständig gelüftet. Und weil es dann doch unangenehm wird, zieht sich jeder der Anwesenden einen Bademantel aus überwiegend ungezwirnten, jedoch durchaus hochgedrehtem Polgarn an.

So kommt es zu einem Einleibungskonflikt: die Wohnung wirkt so wie eine schmuddelige Raucherecke auf dem Bahnhof. Genauer wird sie in ihren sinnlichen Qualitäten der Kälte, der Feuchtigkeit und Unwirtlichkeit eingeleibt. Was eigentlich ein unbelebtes Ding ist, wird vom Menschen im Bademantel als unmittelbar leiblich unangenehm erfahren. Es ist so wie bei einem Sofa aus Glaswolle: selbst aus einiger Entfernung fühlt es sich entschieden ungemütlich an. Der Leib reagiert schon aus der Distanz und lässt die Überschreitung der Komfortzone bereits spüren, obwohl sie noch gar nicht überschritten ist.

Da aber gleichzeitig auch der geschmeidige Bademantel zur Einleibung einlädt, wird die sanfte Umhüllung zu einem Teil des eigenen Leibes eingemeindet. Das ist nun wieder sehr angenehm, da das Flauschige nicht nur direkt auf der Haut gespürt wird, sondern auch in Analogie zum Sofa aus Glaswolle dort gespürt wird, wo gar kein direkter Kontakt da ist. Der ganze Gegenstand des Bademantels wird zu einem gefühlten Teil des eigenen Leibes.

Die kalte Wohnung ist also sinnlich unbehaust eingeleibt, der Bademantel hingegen als wärmendes Heim. Beide Kräfte der Einleibung arbeiten nicht in dieselbe Richtung und erzeugen ein umständliches Gefühl zwischen Komfort und Unbequemheit. Sie werden sich nicht einig und zeigen gerade darin die praktische Phänomenologie der Einleibung an. Man merkt, dass Gegenstände ein der Umgebung vom Leib sinnlich unmittelbar präsent zum Fühlen gebracht werden, da es eine Dissonanz zwischen ihnen gibt. Die Einleibung ist sonst ein unauffälliger Vorgang, fällt durch den Konflikt der widerstreitenden Einleibungsqualitäten dann aber doch auf.

Angenehm-unangenehm kann man also so die Grundformen der Einleibung im Herumsitzen studieren. Bei näherer Einfühlung merkt man auch, wie einmal die eine Einleibung und dann wieder die andere die Oberhand gewinnt. Natürlich ist auch die Einleibung der kalten Wohnung und des flauschigen Mantels selbst Fluktuationen unterworfen. Auch sie lassen sich leibhaft phänomenologisch erfahren, so dass man am Ende die abstrakten Konzepte der Einleibung, so wie sie sich als haptisches Sehen bei Wölfflin und Husserl finden, leicht nachvollziehen kann.

Sebastian Knöpker