Phänomenologie der Intelligenz

Verblöden ist ein Vorgang, den jeder an sich selbst in Echtzeit erleben kann. So beim Einstellen der Fahrradbremse, wo die vielen Stellschrauben und Züge bei operativem Missgeschick zunehmend Konfusion auslösen. Irgendwann weiß man gar nichts mehr und man brütet nur noch dumpf vor sich hin.

Der Erblödungsvorgang besteht also darin, zu Beginn noch den Zusammenhang der Schrauben und Drähte im Prinzip zu verstehen, um mit zunehmendem Misserfolg die Lage nicht mehr zu durchschauen. Wie welche Stellschraube mit welchem Zug zusammenhängt, blickt man nicht mehr. Dabei bemerkt man, dümmer zu werden.

Und umgekehrt: zerlege ich meinen Toaster, studiere in aufgeräumter Verfassung die einzelnen Bauteile und ersetze den verschmorten Thermostat durch einen einfachen Draht, dann fühle ich mich intelligenter als vorher. Ich spüre, wie ich klüger werde.

Eine begrenzte Intelligenzleistung reicht also aus, um ein Bewusstsein von einer globalen Intelligenz hervorzubringen. Das führt dazu, das limitiert intelligente Menschen sehr gerne zur Arbeit gehen, denn wenn sie dort Mähdrescher und Landmaschinen reparieren, fühlen sie sich unbeschränkt schlau. Entsprechend meiden sie Begegnungen mit neuen Welten, da sie darin leicht Erblödungsgefühle entwickeln.

Der Landmaschinentechniker nutzt also den Umstand, dass eine Eigenschaft stets eine Potenzialität ist, die ungeachtet ihrer möglichen Aktualität in keinem zwingenden Verhältnis zum Bewusstsein von sich steht. Das Bewusstsein lässt sich aber durch eine singuläre Intelligenzleistung wecken und wird so von einer Potenzialität nicht nur zu einer beschränkten Aktualität, sondern zu einem Selbstbewusstsein von der eigenen Intelligenz allgemein.

Wer als Politiker Erfolg haben will, muss so beim breiten Publikum auf dieses Intelligenzerlebnis setzen und zugleich jeden Verdummungseindruck meiden. Deshalb reden Politiker in sehr engen Bahnen. So erhaschen sie das Intelligenzschema ihrer Kunden, die im Gegensatz zur real gegebenen Eigenschaft, naturdumpf zu sein, sich gern und möglichst oft als schlau empfinden wollen. Die Wähler werden somit dort abgeholt, wo sie sind: in den Katakomben des Geistes.

Die Phänomenologie wiederum kann diesen Intelligenzvorschub ebenfalls auslösen. Denn sie sorgt dafür, zunächst einmal harmlose Erfahrungen so miteinander zu verknüpfen, dass ein philosophischer Zusammenhang daraus wird. Das Auftauchen der inneren Struktur ist dabei der Moment der Intelligenzanhebung: man fühlt sich unweigerlich schlauer als vorher, weil einfache Erfahrungen neu zueinander stehen und ein Plus an Wissen bilden. Philosophie bildet damit nicht nur, wenn sie denn gut ist, sie lässt auch die eigene Intelligenz spüren.

Sebastian Knöpker