Ricercar

Gibt es in einem Bauzaun ein Peephole, schaut man gerne hindurch. Es macht Spaß, den Bauarbeitern in der Baugrube beim Schuften zuzusehen. Diese kleine Lust lässt sich in der Kunst sublimieren, erlebt man, wie der Künstler arbeitet, Widerstände überwindet, seinen Weg sucht und findet.

Rodin war einer dieser Bildhauer, der seine Skulpturen oft nur halb aus dem Stein geschlagen hat und noch dazu einige extra Bearbeitungsspuren einarbeitete. Das kommt beim Beobachter gut an, weil es so scheint, als wenn der eingemeißelte Mensch sich gerade aus dem Steinblock löst und die Macht der Materie überwindet.

Es scheint so, als würde er gerade aus einem unbelebten Urstoff entsteigen. Bei Rodin ist das besonders schön zu sehen, weil seine Figuren in ihren Bewegungen gut herausgearbeitet wurden. Es scheint, als wenn der werdende Mensch mitten in einer Bewegung ist.

Man sieht ihm also bei einer anstrengenden Arbeit zu, bei der Geburt aus dem Granit und zugleich hat auch einen bleibenden Eindruck von der Anstrengung des Künstlers, da ja noch Reste des Materials abzuschlagen sind. Es sieht angenehm nach Arbeit aus.

Auch beim philosophischen Vortrag haben es die Zuhörer am liebsten, wenn der Philosoph mit der Sprachmaterie kämpft und während des Sprechens wirklich denkt. Dann spürt man, wie er sich seinen Weg sucht durch die bedeutungslosen Worte, um zum springenden Punkt zu kommen.

Umgekehrt ist ein inhaltlich sehr guter Vortrag, der einfach als Konserve vom Blatt abgelesen wird, nicht gerade ein Ereignis. Er langweilt die Zuhörer, weil er im Moment des Vortrags nur die vergangene Arbeit vorträgt. Weil er aber nicht im Moment selbst denkt und begrifflich schafft, wirkt dieser Informationsvorgang unweigerlich blass.

In der klassischen Musik wird der Vorgang des „Reinschaffens“, der Hineinarbeitung in eine sperrige Materie Ricercar genannt. Es bezeichnet das Suchen nach musikalischen Formen ausgehend von einem harmlosen Vorspiel. Ricercar meint in einem allgemeinen Sinn damit, dass sowohl der Zuhörer wie auch die Musiker nicht eine musikalische Form verzehrfertig geliefert bekommen, sondern sich selbst jeweils anstrengen müssen, den musikalischen Witz in sich zu bilden.

Jede kulturelle Darbietung, die Bildhauerei, das Philosophieren, die Musik und das Zeichnen haben dabei das Ziel, statt schlüsselfertig konsumierbaren Inhalt etwas noch nicht ganz Fertiges zu präsentieren, das in der letzten Stufe erst noch verfertigt werden muss. Darin steckt der Reiz, Arbeit und Kunst miteinander zu verbinden, auf dass Kultur zu einem Erlebnis wird.

Sebastian Knöpker