Hamsterkäufe

Alles gebunkert und getütet! Hamsterkäufe sind etwas für Leute, die eine verdichtete Aura aus Renterängsten mit sich herumtragen. Ganz ungeeignet sind sie für Menschen, die nicht den engen Glauben an die Rechtmäßigkeit ihrer Handlungen besitzen und daher nicht so leicht zugreifen können.

Wenn sich die Gesichtszüge rhythmisch zusammenkrampfen, etwa so wie anorganische Masse, die zu zu leben beginnt, ist es Zeit für einen Hamsterkauf. Es geht dabei um das Weiterüberleben und man fährt dann mit dem Auto systematisch alle Supermärkte an, um auch genug Mehl und Öl „auf Puffer“ zu haben.

Der Hamsterkauf inspiriert sich vom Horten von Medikamenten. Hier herrscht prinzipiell Knappheit, weil richtige Präparate verschreibungspflichtig und somit nicht frei verfügbar sind. Kommt so der Nachbar mal zu Besuch und sieht die Tablettenstapel auf dem Wohnzimmertisch, notiert er sich die Namen der Medikamente. Anschließend geht es zum Arzt mit der bangen Frage an ihn „Brauche ich das nicht auch?“.

Der Hamsterkauf ist ein Fall für den Phänomenologen und keine logistische Frage der Vorratshaltung. Denn hier geht es um die Schaffung eines Bewusstseins von Verknappung, nicht um die durchaus der Sache nach berechtigte Verproviantierung in instabilen Zeiten.

Beim Kaufen, Einlagern, Horten und Aufhalden dreht sich alles um die Sorge der Sorge, also um das Umkreisen der wohlig in Raum und Zeit ausgebreiteten Existenzängste. Es handelt sich also nicht um eine Lösung offener Versorgungsfragen, sondern um das Beschicken des Gefahrenbewusstseins.

Dadurch ergibt sich ein Eindruck von Sinn. Solange man nicht sicher ist, empfindet man die Wirklichkeit des Lebens als sinnvoll. Ein Urlaub als Überlebenstraining in der Tundra bei Kälte und Hunger gibt durch künstliche Verknappung Sinn an die Hand, während ein Urlaub in der Komfortzone zwar angenehmer aber weniger sinnerfüllt ist.

Da Sinn wichtiger als Lust und Komfort ist, aber eben auch schwieriger beschafft werden kann, wird er oft auf Kosten der Lebensqualität verwirklicht. Lieber nicht frei atmen können als sinnlos zu leben, heißt die Faustformel. Die Hamsterkäufer gehören meist in diese Kategorie, sich gegen den Tod so sehr wie gegen das Leben zu sträuben und sich in einer Zwischenzone beider anzusiedeln.

Sebastian Knöpker