Phänomenologie der Schwerkraft – der Orgelpunkt

Wer mehr Gewicht als Mensch ist, hat es im Leben  schwer. Er braucht den schnellen Leichtigkeitserfolg. Und den kann der Orgelpunkt liefern. Der Schlager „Love is in the air“ arbeitet damit und lässt um einen rhythmisch aufgelösten Halteton herum umherschweifende Melodien die Welt leicht werden. Der Orgelpunkt wird zum Leichtigkeitslieferant.

Die Gelöstheit von Love is in the air ergibt sich aus der Ablösung einer Klavierstimme von der Bassstimme. Die umherschweifende Stimme findet eine ständige Lösung vom robusten Bass, was durch die Überwindung der Schwere der Dominante zum Gefühl der Leichtigkeit führt. Was als leicht empfunden wird, verdankt sich der Abnabelung von einer Schwere.

Schwere bezeichnet phänomenologisch nicht die Relation von Masse zu Gravitation, sondern bezeichnet zunächst nur das Gefühl von Gravität. Demnach gilt: Töne besitzen im Hören eine Schwere. Zwei Töne, die ein Intervall bilden, erzeugen den Eindruck einer größeren Masse als die eines einzelnen Tones. Drei Töne, die zu einem Akkord zusammen finden, wirken noch massereicher.

Die Basslinie von Love is in the air erzeugt nun Schwere, um die herum eine zweite Klavierstimme spielt. Sie löst sich beständig von der Dominante ab und bringt so das Gefühl der Lösung und Leichtigkeit zustande. Wäre da nur Leichtigkeit, würde die Gelöstheit ganz fehlen und Langeweile eintreten.

Vom Prinzip her gilt also, eine Schwere aufzubauen, die durch permanente Überwindung und Ablösung durch eine andere Schwere zur gefühlten Leichtigkeit gelangt. Ein schwerer Rotwein kann auf diese Weise trotz seines dominanten Basstones (dem Alkohol, der Gerbsäure, dem Holz) auch leicht wirken, setzen sich vom dominanten Grundgeschmack immer wieder kleine Fruchtaromen ab, die in ihrer Lösung Gelöstheit zustande bringen.

Übertragen auf die gelebte Freiheit heißt das wiederum, dass durch kurzzeitige Beschwerung der Seele z.B. durch eine eintönige und schwere Arbeit, Gelöstheit eintritt, wenn diese Schwere zu Teilen oder momenthaft von einer anderen Beschäftigung abgelöst wird. Freiheit als Erlebnis ist damit an eine Beschwerung gebunden, die in der Ablösung von ihr zur Leichtigkeit führt. Um gefühlt frei zu sein, braucht es also ein drückendes Gewicht. Anders ausgedrückt: im Fehlen jeder Beschwerung fehlt auch das Gefühl der Freiheit.

Sebastian Knöpker