Bad Cannstatt ist nach dem Paragraphen 895 definiert: „Aller Schleim ist lebendig“. Damit ist die Fußgängerzone gemeint, die derart viele schleimige Fettecken hat, dass der örtliche Fettglanz den Sonnenglanz bei Sonnenschein deutlich übersteigt. Ein Ortstermin.
Der Tau ist das Kind von Sonne und Mond. Der Schleim hingegen ist organisch, stammt von lebendigen Wesen oder ist selbst lebendig. Bad Cannstatts Innenstadt hat jedenfalls die Kunst gemeistert, Kinder ohne Mutter zu haben. Denn die Fettflecken gehen aus sich selbst heraus schwanger und vermehren sich selbsttätig.
Jede Bratpfanne hat nach einigem Gebrauch eine Fettschicht, die organisch ist, sich nicht entfernen lässt, aber auch nicht entfernt werden sollte. Denn sie sorgt für den geglückten Garvorgang. Der Fettfilm sorgt für den richtigen Hauch des Gebratenen. Es gilt: die Patina aus verbranntem Fett lässt die Pfanne erst richtig funktionieren.
Bad Cannstatt ist aber keine Bratpfanne, sondern das Resultat von achtlos auf den Boden getropften Fettklumpen, die sich im Laufe der Zeit in den Ecken zusammenfinden und dort Fettnester bilden. Die „Zone“ erinnert an die Alchemie, wo die Substanzen alle in ein und demselben Gefäß gekocht werden, damit die Reaktivität befördert wird.
Der Cannstatter Schleimfilm scheint sich zu bewegen, kriecht die Ecken hoch, und wenn hier Nacktschnecken vorbeikommen, wundern sie sich: Jemand ist schon da gewesen! Fettiger Schleim besitzt ein Eigenleben oder genauer ausgedrückt bildet der Anblick von Schleimvorräten einen lokomotiven Eindruck auf den Betrachter. So wie man einem Ertrinkenden nicht ruhig zusehen kann, weil der eigene Leib die Atemnot des Untergehenden leibhaft erleben lässt, so ist es auch beim Anblick von Fett. Man fühlt sich zwar nicht so, als hätte man selber Fettdellen, aber man spürt die Bewegung der verschleimten Flächen. Die Cannstatter Zone erinnert also an altrussische Ikonen, bei deren Anblick das Gesicht der Mutter Maria auch in Bewegung zu sein scheint. Die Einverleiblichung dort beruht auf denselben Gesetzen wie in Stuttgart, nur ist die Okulmotorik eine andere.
Imprägniert gegen Schmutz und Schleim, imprägniert gegen die Physik überhaupt, stehen einige Afrikaner in der Fußgängerzone. Sie sind proper gekleidet, die Schuhe weiß, fabrikneu, die Hosen perfekt gestärkt und gebügelt, die Hemden ebenfalls ohne Eselsohren. Die Afrikaner nutzen die fettige Knickspurigkeit von Bad Cannstatt, um unangreifbar zu wirken. Das ist die Ethik der Hygiene, ein charakterlicher Kurzschluss, in verfetteter Umgebung unbefleckt zu wirken, um so auch als Charakter rein zu erscheinen.
Fassen wir zusammen: Fettecken in der Wohnung sind ein gutes Argument, Freunde dort nicht übernachten zu lassen. Fett in der Innenstadt ist ein gutes Argument, gar nicht erst nach Bad Cannstatt zu fahren.
Sebastian Knöpker