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Staatsgalerie Stuttgart

Die Staatsgalerie in Stuttgart ist swingend im Trend, gerade weil sie konventionelle und biedere Kunst bietet. Das Museum bildet den Kunstkanon der europäischen Kunstgeschichte 1:1 ab und bietet darin eine schöne Blickbesänftigung.

Vor dem Museumsbesuch sollte man mit abstrakten Zeichentrickfilmen vorglühen (im Lieferumfang des Museums nicht enthalten). So von der Art „rotes Dreieck schubst schwarzes Quadrat vor sich her“. Solche Filme aus den 1940er Jahren zeigen gut, wie man Kausalität unmittelbar wahrnimmt, wo doch nur Ortsveränderung von geometrischen Figuren gegeben ist.

Auf diese Weise aufgeladen kann man die abstrakte Kunst der klassischen Moderne (Wols / Bernhard Schulze / Willi Baumeister) als konkret-abstrakt erleben, also die Kausalität von Bremsen, Drücken, Heben, Ziehen usw. auf Bildern und Zeichnungen sehen, die eigentlich nur Striche und halbe Vielecke zeigen. Das Bild bevölkert sich beim Sehen mit Hinzuwahrnehmungen, hier mit dem Hineinbringen von kausalen Verhältnissen. Man wundert sich dann, wie das nun sein kann.

Geht man weiter, so trifft man in den insgesamt 54 Sälen lauter Bekannte, also Rembrandt, Monet, Gauguin, Kandinsky usw. und kennt auch schon die Bilder selbst, auf Abbildungen und Reproduktionen oft gesehen. Dieser Wiedererkennungseffekt streift den Menschen angenehm, etwa so, wie im Restaurant zwei Tische weiter Boris Becker sitzen zu sehen und darin ein Ereignis zu empfinden. Ja, es sind die Originale und im Falle von Rembrandts Selbstporträt trifft man auch den Künstler persönlich, der zwar hässlich auf dem Bild, aber auch lebendig bis vivifizierend vom Maler selbst getroffen ist.

Das Museum ist wirklich groß, aber künstlerische Größe trifft man nur selten, etwa im Fall von Ferdinand Hodlers Genfer See mit den Savoyer Alpen. Hodler konnte die Immensität der Alpen so malen, wie sie in echt erlebt werden, auf Bildern jedoch in der Regel nur als Kleinformat aufscheinen. So wie Georg Simmel bereits vor 120 Jahren schrieb, ist hier echte Gefühlsausdehnung zu erfahren.

Manche Maler kann man schon allein deswegen nicht ausstehen, weil die Figuren auf ihren Bildern immer Kopfbedeckungen aus dem Fundus einer Theatergarderobe tragen. Carl Spitzweg gehört dazu. Zylinder, Batschkapp, Strohhut und Schlafmützen waren für ihn dazu da, die Lokalfarbe der jeweiligen Figur zu überhöhen. Spitzweg wollte sicher gehen, dass seine Figuren auch ganz richtig in seinem Sinn verstanden werden.

Auch auf seiner Miniatur Aschermittwoch trägt der Mann im Harlekinskostüm eine spitze Mütze. Aber während ich das Bild sehe, habe ich das Gefühl, dass es ich mich malt. Es geht mich also an.

Der Mann im Kostüm sitzt im Kerker – irgendetwas ist beim Feiern eskaliert – und der Stimmungsumschwung von überdreht zu trostlos wird von Spitzweg genau auf den Punkt gebracht. Das Bild erzeugt überzeugende Gefühle, richtig: das Gefühl der Überzeugung. Überzeugend ist die Darstellung, das Licht, die Situation usw., dann aber auch Überzeugung in der modalen Hinsicht, hier echte Notwendigkeit vor sich zu haben. Es muss so und nicht anders sein.

Die Staatsgalerie definiert sich dadurch, die kanonisierte europäische Kunstgeschichte abzubilden. Die Gegenwart der Kunstproduktion ist dabei in Sonderausstellungen präsent. Aktuell zeigen junge Kunststudenten ihr Alltagsleben auf Fotos, in denen oft Geschlechtswerkzeuge junger Menschen fast gezeigt werden.

Die Fotos sind anders als bei Magazinen wie Lodown aber noch nicht einmal Schnappschüsse. Irgendwann wurde irgendwie auf den Auslöser gedrückt und so entstand eine Serie leerer Bilder. Sie zeigen Szenen aus aseptischen, durchgewischten Lebensentwürfen, die mit Jugend nichts zu tun haben. Die Leute auf den Bildern sind wohl jung, wirken aber wie anspruchsberechtigte Menschen mit unerfreulichen Existenznoten.

Die Staatsgalerie Stuttgart: ein konservativer Ort der bildenden Kunst, der überraschungslos und im Kern ironiefrei ist. Die Dauerausstellung funktioniert dabei, indem sie zentrale Möglichkeiten der Malerei präsentiert. Sie ist auch ein Ort praktischer Phänomenologie, wo man in sich spüren kann, wie Wahrnehmungen nicht bloß sind, sondern gemacht werden.

Sebastian Knöpker