Die Rainer Maria Rilke – Sonderausstellung im Marbacher Literaturarchiv hat mit Stäubchentrübung zu kämpfen. Tritt man ins Museum ein, meint man, metaphysischen Staub einzuatmen, merkt dann aber schnell, dass bloß das hausinterne Staubmanagement versagt.
Geht man dann die Treppenstufen zur Rilke-Ausstellung im DLA Marbach hinab, sieht man RMR in überlebensgroßen Bildern als Knispel mit Lochfraß im Bart. Eine Art dichterischen Blick hat er aber auf diesen Fotos auch, sodass man beruhigt weiter gehen kann.
Im Souterrain angekommen merkt man, dass die Ausstellung das Problem eines Delikatessengeschäfts hat, das in einem zu großen Raum nur wenige Waren ausbreiten kann. Da nun ein Schriftsteller nur ein Koffer voller beschriebener Blätter hinterlässt, wenn er stirbt, ist eine Ausstellung immer unterbestückt. Man kann nur die Manuskripte an die Wand oder an eine Wäscheleine hängen, sodass eine Wandzeitung entsteht.
Richtig möbliert wird eine Literaturausstellung aber erst durch echte Möbel, auf die Gedichte oder Zitate geschrieben werden. Diese Möbel kann man dann auseinanderschrauben und stückweise an die Wand nageln. Das Marbacher Literaturmuseum hat sich daran gehalten, Holzlatten mit Gedichten beklebt und so die Körperoberfläche der literarischen Produktion Rilkes erheblich vergrößert.
Die Ausstellung zeigt gut, dass Rilke sich bereits im Jungenalter als echter Schriftsteller definierte. Er empfand sich immer schon als der RMR, der er dann auch geworden ist. Kafka war im Vergleich dazu bescheidener und nüchterner: Er spürte in sich namenlose Kräfte, ein sich entfaltendes Potenzial, ohne genaues sagen zu können. William S. Burroughs war noch bescheidener und sammelte bis in seine späten Dreißiger schlicht Material und Erfahrungen, zunächst für was auch immer, dann, um darüber zu schreiben. Burroughs ist in dieser Hinsicht exemplarisch, hatte allerdings auch genug Zeit und Geld, um erst einmal abzuwarten. Er brauchte keine Aufgabe.
Rilke wird in der Ausstellung in seinen sozialen Rollen beleuchtet. Als Vater unterhielt er einen regen Briefwechsel mit seiner Tochter (mehr aber nicht). Passend für einen Schriftsteller. Als Mann hielt er sich gern von seinen Musen fern, wie auch von seinen Gönnern – ihm reichte es, wenn sie zahlten.
Den Dichter als „erstaunlich gut vernetzt“ darzustellen, so das erklärte Ziel der Ausstellung, ist aber eine erstaunlich anspruchslose Idee. Wer hätte das gedacht, aber Rilke wusste seinen Markenkern permanent zu schärfen und hatte ein „Netzwerk“. Das konnte er gut gebrauchen, als er 1915 zur Armee eingezogen wurde. In der Ausstellung sieht man sein Tauglichkeitsattest, bestempelt mit „geeignet“. Seine connections schafften es aber, ihm den Krieg zu ersparen.
Im Museum gibt es viele Staub-Aeroquanten, dafür aber wenig Licht. Es ist so spärlich, dass alle Ecken im Raum rund aussehen. Man sieht wohl, man kann lesen und liest dann auch über Rilkes Reisen, Verleger und Lebensstationen. Das Konzept der Ausstellung ist es dabei, Rilkes Biographie in Szene zu setzen und die dichterische Produktion selbst im Hintergrund zu lassen.
Zur Wechselausstellung im Literaturmuseum der Moderne gehört auch eine kleine Dauerausstellung mit Autographen von Kafka, Jünger und Mosebach, letzterer deswegen, da er sehr klein schreibt und es schön anzusehen ist, wie ein ganzes, längeres Kapitel auf eine einzige Seite passt.
Von Kafka sieht man eine Gabel, Teil des Reisebestecks, das der Versicherungsinspizient auf seinen Reisen mitnahm. Die Gabel ist eine Reliquie, ein Gegenstand, der sich von seinen tatsächlichen Eigenschaften emanzipiert und als Inkarnation Kafkas erscheint. Ob man eine solche Ausstellung gerne ansieht, entscheidend sich wesentlich an der Gabel, die man als bloßes Objekt oder als Inkarnation eines Schriftstellers und der Literatur überhaupt erfährt.
Auch ein Tagebuch Ernst Jüngers aus dem 1. Weltkrieg wird gezeigt. Es ist jungfräulich sauber und sieht daher nicht ganz überzeugend aus, denn im Schützengraben gibt es doch all die kleinen Erscheinungen der Wirklichkeit, die später als Schmutz auf dem Tagebuch erscheinen.
Lohnt ein Besuch in der Rilke-Ausstellung? Der fröhliche Beobachter der Literatur spürt keine Lebendigkeit in den Exponaten. Die Figur namens RMR wird nicht plastisch inkarniert, sein Pneuma bleibt magaziniert und springt nicht über. Der Besucher ist eher auf dem Weg von der Annäherung zur Distanzierung von Rilke als umgekehrt.
Sebastian Knöpker