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Kunstmuseum Stuttgart

Das Kunstmuseum in Stuttgart ist ein großer Kubus aus Glas mitten in der Innenstadt. Seine Gehäusestrategie setzt auf ein geschlossenes kubisches Volumen, auf positive Kubikräumlichkeit. Verleiht der Würfel aber auch der Kunst in seinem Inneren eine glaubwürdige Existenz?

Das Kunstmuseum Stuttgart zeigt Kunstwerke vom 19. Jahrhundert bis in unsere Gegenwart. Kunstgeschichtlich liegt der Schwerpunkt auf der klassischen Moderne. Eine Kunstgeschichte von jetzt auf gleich kann man dabei schon im Erdgeschoss an sich erfahren: dort stehen zwei tierische Mischwesen, ausgestopfte Tiere, in denen ein Esel (Hinterteil) mit einem Rehkopf kombiniert wurde, sowie ein Mombat mit einem Wildschweinfrischlingskopf.

Auf den ersten Blick wirken die beiden Tiere wie Mutter und Welpe/Kitz/Frischling, also ganz realistisch. Dann erkennt man in ihnen die Chimären, die sie sind und unterliegt einem Zustimmungzwang: ja, das ist mal gelungen! Direkt daran anschließend lässt das Überzeugende nach, die Tiere wirken ungültig und die Vergangenheit setzt ein, d.h. man kann der Kunst dabei zu sehen, wie sie alt wird und nicht mehr gültig ist.

Geht man etwas weiter, kommt man zur Ecke der abstrakten Kunst, so auch zu den verkringelten Bildern Willi Baumeisters. Hier kann man in den abstrakten Figuren gut das gegenständliche Hineinsehen von Diaphanie und Verdeckung studieren. Obwohl die Sechsecke, Striche und Dodekaeder nicht dreidemensional sind, wird ihnen doch räumliche Ausdehnung zugeschrieben, was man am Durchscheinen merkt, daran also, das durch einen Strich hindurch ein Kreis weitergeht, als ob der Strich durchsichtig wäre, was er nicht ist. Das erzeugt kleine Effekte, so wie auch der Kampf von Farbe gegen Form, bei der meist die Form gewinnt. Die Farbe muss sich dann beugen und ihre Tonalität wechseln.

Weiter geht es in den Keller, wo die Konzeptkunst zu Hause ist. Wer wissen will, was das ist, kann in ein Restaurant gehen, beim Kellner ein Pot-au-Feu bestellen, um dann feierlich das Rezept dafür auf einem Blatt Papier zu bekommen. Auf Deutsch gesagt: der Konzeptkünstlerliefert nur die Idee, nicht ihre Realisierung und Materialisierung.

So ist es auch bei Joseph Kossuths Installation Investigationen, wo sechs Tische an der Wand stehen und auf jedem Tisch eine Kladde mit Sprachrätseln liegt. Wer mag, kann sich nun an einen der Tische setzen und an der Rätselmaterie herumrätseln. Das erzeugt Mitleid, und zwar in der Form, nicht schlecht über die Konzeptkunst zu denken.

Ähnlich unwirksam sind die Kunstwerke, in denen Materialität demonstriert wird. Hier wird es kryptopolitisch, indem das Material sich als Diener des Kunstwerks über dasselbe hinwegsetzt und als verrostetes Stück Eisen gegenüber Form und Farbe Bestand hat. Allerdings ist es so, dass ein lange über die eigentliche Nutzungsdauer hinaus genutztes Stück Eisen, dass dann seinen Weg als überamortisiertes Ding ins Museum findet, kleinmeisterlich wirkt.

Es gibt auch eine Sonderausstellung auf den obersten drei Ebenen. Sie ist Künstlern mit Mirgationserfahrung vorbehalten. Im Fall von Rolf Nesch, ein Deutscher, der in der nationalsozialistischen Zeit nach Norwegen zwangsemigrierte, geht das auf, weil einige seiner Grafiken und Radierungen kleine Welten für sich sind und so unterhaltsam wie Comics wirken, aber eben ohne Handlung, ohne Anfang und Ende sind.

Die anderen Beiträger werden vom Museum durch verkaufsgünstiges Reden als Postmigranten bezeichnet. Postmigration bezeichnet den Dauerzustand, im neuen Land nie so recht anzukommen und sich auch in zweiter oder dritter Generation noch als Migrant zu fühlen. Das Phänomen ist lebendig und bekannt, hat aber nicht notwendig etwas mit Kunst zu tun, so wie auch die Exponate in den Obergeschossen nichts damit zu tun haben.

Fazit: vor dem Kunstmuseum, auf der Einkaufsmeile Königstraße, sitzen Schachspieler, die geduldig auf Gegner warten. Wenn man an ihnen vorbeikommt, kann man seinem plötzlichen Impuls nachgeben, ein Spiel mit ihnen zu wagen und eine sicheres Schacherlebnis haben. Schach besitzt ein gewisses Existenzgewicht. Das Kunstmuseum Stuttgart ist da etwas unsichererer, stellt viel Holz aus und wirkt in der Außendarstellung unbedarft.

Sebastian Knöpker