Der Problemfilz

Jeder Mensch hat Probleme. Der eine lebt sie als Problemwolke, der andere als Problemfilz. Nur die wenigsten haben einen formlosen Plural an Problemen. Denn meist bildet die Vergesellschaftung der Probleme als Verbund untereinander ein zusätzliches Problem.

Die Problemwolke versammelt eine große Anzahl an ungelösten Fragen, die einander in ihrer Dringlichkeit stetig abwechseln. Von den vielen Problemen sind immer nur einige aktuell im Bewusstsein, während die vielen anderen als unklare Schemen und abgelebte Schatten das Bouquet des Problemzentrums abgeben. Die Peripherie, gebildet aus halbvergessenen und unklar drängenden Problemen, macht dabei wesentlich das Nebelhafte der Wolke aus, in der es weder Anfang noch Ende, noch Struktur gibt.

Der Problemfilz ist dagegen sehr stabil, da hier die Probleme einander kreuzen und überlagern, so dass jeder Lösungsansatz durch den inneren Zusammenhang der Probleme als Verkeilung und Verstrickung nicht durchdringt. Anders als die Problemwolke ist der Filz also durch Unbeweglichkeit und Starre ausgezeichnet.

Aufgrund der Form allein sind sowohl Menschen mit einem Problemfilz wie mit einer Problemwolke zu meiden, da sie nicht inhaltlich durch ihre Probleme bestimmt sind, sondern durch die Art ihres Zusammenhangs. Der Problemcluster sorgt dafür, das es nicht um diese oder jenes Problem geht, sondern um den Problemverbund selbst, der jedoch kaum ansprechbar und lösbar ist.

Die Verfilzung weist dabei im Gegensatz zur Wolke eine besondere Attraktivität auf, da sie Halt gibt. Die Wolke fundamentiert aufgrund ihrer mangelnden Konsistenz den betroffenen Mensch nicht. Auf der Wolke kann man nicht stehen, wohingegen der Filz Stand und Statur bietet.

Jedes einzelne Problem des Filzes wirkt wohl destabilisierend, doch in der Gesamtheit bilden die Probleme ein Fundament, das dem Problemmenschen Halt gibt. Das Verhältnis von destabilisierend (Einzelproblem) zu fundierend (Filz) und schließlich zu fundiert (Mensch) hat also seine Qualität darin, dass man einen Halt in sich findet. Die Probleme sind zwar echt und drücken, aber zugleich stabilisieren die den Menschen. Deshalb sind die Klagen von verfilzten Problemmenschen nie ganz echt. Sie unterschlagen den wichtigen Punkt, aus der Anordnung der Probleme den Vorteil der Fundierung ihres Selbst zu gewinnen.

Sebastian Knöpker