Neo Rauch ist ein berühmter Künstler, ein Maler. In diesem Beruf steckt noch ein zweiter, die Berufung, die DDR-Kunst der späten 80er zu repräsentieren. Bezahlt wird dieser Job nicht in Euro, sondern in Museen und Sonderrausstellungen. Eine Bezahlung in Cash ist das Neo Rauch – Museum in Aschersleben. Dort hat sich Neo Rauch mit Jonathan Meese in der Jahressausstellung 2026/2027 verewigt. Ein Lokaltermin.
Rauch und Meese verbindet die Neigung, hermeneutische Ursuppen anzurühren. In ihren Bildern wird exegetische Universalmaterie arrangiert, eine Art Bedeutungskompost mit vielen Anspielungen. Jonathan Meese zitiert so gern Nietzsche, Hegel, Kant – und sich selbst. Im Fußball würde man sagen, der hochdotierte Künstler Meese müsste erst noch in sein Preisschild hineinwachsen. Soll heißen: seine Kunst hält qualitativ nicht mit seinem Marktwert mit.
Meese ist dem aktuell erfolglosen Fußballstürmer Nick Woltemade vergleichbar, der für 90 Millionen Euro nach Newcastle wechselte und von dort zu Juventus Turin, wo ihn sein Trainer mit einem Friesenpferd verglich, dass sich gerne streicheln lässt. Meese hat auch diese Gabe, harmlos zu wirken, was ihm seine Kunstkarriere eröffnete. Er wirkt wie ein Kind, er ist ein Kind, das aber zum Künstler überhöht worden ist.
Auch Neo Rauch versucht es mit protohermeneutischer Substanz in figürlicher Malerei, in die unterschiedliche Zeitebenen mit Rätselmaterie vor konkreten Rätseln von ihm eingefügt werden. Er hat dabei den Vorteil, handwerklich überzeugend zu malen. Seine Grisaillemalerei kann das, wozu sie überhaupt erfunden wurde, nämlich aus Grautönen starke lichthafte Wirkungen zu entfalten. Seine Grafik Der Verfolger schafft es, aus einem grauen Lichtstrahl eine helle Lichtquelle beim Betrachter entstehen zu lassen. Die Szenerie einer grauen Großstadt mit Figuren wird so von ihm durch die Lichtwirkung verlebendigt.
Rauchs Kunst ist dabei allgemein eine Mischung aus Perry Rhodan-Titelbildern, sozialistischer Propagandamalerei und Comics. Seine Bilder sprechen alle Besucher, gleich welchen Einschlags als schön, bunt und angenehm an. Das liegt auch an der knalligen Farbwahl, die manchmal unglücklich ist, da sie an die realen Menschen in Aschersleben vor dem NETTO erinnern, die lila, grün oder rot gefärbte Haare haben. Auch sie wirken in ihrem dekorativ verarmten Lebensstil oft an Comics.
Andererseits gelingt es manchen Farbverläufen in Rauchs Bildern, so einem knallgrün gemalten Hut eines dicken Menschen, die Figürlichkeit zu verlassen. Erst sieht man einen grünen Hut, dann, schaut man noch einmal hin, sieht man das Grün vom Gegenstand namens Hut befreit, wodurch die Farbe „Grün“ ohne Genitiv ganz anders wirkt. Sie ist dann nicht mehr die Farbe des Hutes, sondern ein grüner Farbverlauf an sich.
Die Neo Rauch – Grafikstiftung überzeugt insgesamt nicht, aber sie setzt dem zu DDR-Zeiten grau-verklebten Aschersleben die Kirsche auf das Törtchen, dass die Stadt heute ist. Durch die Verbindung vieler kleiner Parks, Gartenanlagen und eben dem Museum entstand eine zusammenhängende Parklandschaft mitten in Aschersleben. Verbunden sind die Gärten und Parks durch einen Weg auf der ehemaligen Stadtmauer, den man nach dem Museumsbesuch zwecks Abkühlung in immer wieder neuen Runden abgehen kann.
Sebastian Knöpker