Phänomenologie des Hortens

Viele Hausbesitzer wohnen nicht mehr im eigentlichen Sinne des Wortes in ihrem Haus, sondern betreiben überfüllte Lagerhallen. Als oberste Gehäusestrategie dient die Aufbewahrung der Dinge. Nichts wird weggeworfen, alles wird bewahrt und so kommt es zur Überfüllung. Phänomenologisch gibt es dafür überzeugende Erklärungen.

Die Reliquie erster Ordnung ist ein Körperteil eines Heiligen. Sie wird nicht mehr als Gegenstand wahrgenommen, sondern als Fluidum. Der Gegenstand dient also dazu, der gegenstandslosen Aura einen dreidimensionalen Ort zu verleihen. Es geht somit einfach darum, das Ungreifbare doch greifbar zu machen.

Manche Gegenstände bleiben zwischen Reliqiue und Gebruachsgegenstand stehen. Urgroßvaters Sessel, auf dem er eine Generation lang saß, damit in der Folge der Großvater darauf Platz nahm, um dann dem Vater Sitzgelegenheit zu werden, ist so eine Beinahe-Reliquie.

Die lange Nutzungsgeschichte macht aus dem verschlissenen Sessel mit seinen Gebrauchsspuren etwas Besonderes. Die Familiengeschichte wird hier auratisch greifbar, so dass man den Sessel unmöglich wegwerfen kann, ist er vom Zustand auch reif für den Sperrmüll.

Er bleibt dann in der Wohnung stehen, nur das auch ganz viele andere Sachen lange Biographien aufweisen, vielleicht sogar die drei Bierflaschen, die von den Möbelpackern beim Einzug 1986 zurückgelassen worden sind. Auch sie kann man nicht einfach wegwerfen, sondern muss sie zumindest auf dem Dachboden aufbewahren.

Ist der Platz im Keller, unterm Dach und in der Garage dann irgendwann belegt, werden auch zweit- und drittrangige Dinge mit ihrer Nutzungsbiographie innerhalb des Wohnraumes aufbewahrt. Es kommt zu einer Sedimentierung von Dingen mit Patina und Geschichte, sei sie auch noch so weit entfernt von der Reliquie. Selbst Dinge mit mittelmäßiger Geschichte können nicht weggeworfen werden, weil sie vielleicht in die falschen Hände kommen. Bücher etwa, die man nie gelesen hat, müssen doch bewahrt werden, weil ihre zukünftige Geschichte ansonsten die falsche Wendung nehmen könnte.

Die Lage ist also phänomenologisch ohne Weiteres erklärbar: wie bei der Reliquie der atmosphärisch-auratische Mehrwert der Geschichte eines eigentlich beliebigen Objektes bewahrt und dadurch sogar vermehrt wird, so geht es auch beim Horten im Haus darum, Vergangenheit und Zukunft von banalen Gegenständen zu schützen.

Für geschichtsvergessene Menschen ist das nicht nachvollziehbar, weil der Gegenstand eben verbraucht ist, während für den lebensgeschichtlich Orientierten sich gerade Geschichte leibhaft durch den Ge- und Verbrauch in das Objekt eingebracht hat. Da man sie nicht wegwirft, sondern bewahren muss, sammelt sich das Gerümpel im Haus an, das so zu einer Lagerhalle wird.

Sebastian Knöpker