Poppenweiler ist ein schwäbisches Dorf am Neckar mit Weinbergen und Fachwerkhäusern. Das Harmlos-Übliche. Doch ereignen sich hier auch inoffizielle Ereignisse. Das Dorf hat eine eigene Art, die Dinge zu spezialisieren.
Poppenweiler beschäftigt sich stark mit einer fließzähigen und verlaufsstörenden Materie, dem Müll. Auf Poppenweilers höchsten Punkt liegt eine alte Müllkippe, die aufwendig renoviert wird. Hier wird der Müll neu sortiert und ein System von Entlüftung wie Entwässerungsgräben gezogen. Es handelt sich um ein technisch verschöntes Scheitern der Müllverwaltung. Die Deponie ähnelt einem Müllarchiv, deren Bestände man immer wieder durchgeht.
Unten am Neckar geht es dann weiter, wo werktags eine gigantische Müllwolke durch das Sortieren von Verpackungsmüll und Bononpapierchen entsteht. Mikroplastik wird hier aus dem Müll, diesem nichtsnutzigen Ragout, fein in die Luft verteilt und erzeugt eine eigene Art der Atmosphäre. Das Mikroplastik ist nicht so fein wie Saharastaub, dringt aber trotzdem durch alle Ritzen.
Müll ist auch sonst auf Poppenweilers Straßen präsent, spektakulär Anfang Februar, wo auf einer Straßenkreuzung ein Müllauto kotzte. Es hatte Verpackungsmüll geladen, der Feuer fing, sodass die Müllcrew die Ladung auf der Kreuzung abkippte. Die Feuerwehr kam dazu und harkte den Müll flächig auseinander, die Glutnester wurden gefunden und separat entsorgt. Anschließend wurde alles besenrein zusammengekehrt und zur Erinnerung noch einige Fotos mit der Wärmebildkamera aufgenommen.
Nachts, wenn es dunkel wird, zeigt das Dorf realelektrische Umtriebe. Obwohl viele Häuser nicht oder kaum bewohnt sind, sieht man viele Lichter. Die schon vor Jahren aufgehängten Weihnachtslichterketten senden noch schwache Lichtquanten aus, eine Art Schwachstrom kurz vor dem Versiegen. Dadurch wird das Dorf in kleine Elmsfeuer getaucht. Die Lichterketten zucken unregelmäßig, etwa so zum letzten Mal, hören damit aber nie auf. Die Dinge in Poppenweiler machen immer weiter.
Aber man sieht auch richtige Lichter, also echte Beleuchtungen. Das betrifft die Dachböden, wo die Dachböden nachts hell erleuchtet sind, damit die Siebenschläfer und Marder vergrämt werden. Sie sollen es nicht allzu ungestraft treiben, müssen das Licht aushalten und dazu SWR 3 aus dem Radio hören. Für die Tiere ist es nur ein Lebensgrundgeräusch, dass sie als Umweltbedingung akzeptieren.
Poppenweiler ist also ein Dorf ohne Ereignisse. Aber weil die Wirklichkeit der Schatten des Wortes ist, geschieht hier doch mehr als eigentlich möglich ist. Es ist nicht entscheidend, was passiert, sondern was phänomenologisch erzählt wird.
Sebastian Knöpker