Ein Vogelmuseum ist ein Widerspruch in sich, weil es weder Himmel noch Luft im Sortiment hat, die Elemente des Vogels. Es ist phänomenal notwendig arm, doch kann es immerhin mit dem Uhu punkten, ein Vogel, den man in natura nie sieht. In Halberstadt gibt es ein Vogelmuseum, mit Uhus und natürlich auch mit Pinguinen.
Phänomenal gerecht wird man Vögeln im Museum nur zu Beginn und zum Ende ihres Lebens. Das Ei liegt unbeweglich im Nest und der tote Vogel ebenso auf der Erde. Der Vogeltod ist folgerichtig ein Thema im Vogelmuseum Heineanum: in einer Vitrine liegen zwanzig Bussarde nebeneinander aufgebahrt, die sich nur von ihrer Todesursache her unterscheiden. Bussard Nº I starb an einer Cadmiumvergiftung, die Nº II wurde von einem Hund totgebissen, die Nº III ertrank in einer Viehtränke, die Nº IV starb an Mäusegift, die Nº V wurde von einem Auto totgefahren usw.
Darin steckt nur am Rande eine Anklage an den Menschen, sondern das Programm des Museums, das sich aus Verwaltungslüsten nährt. Die Lust an der Verwaltung ist eine, die sich auf den eigentlichen Inhalt des Verwalteten nicht emotional einlässt. Der Philatelist ist so einer, der in seinem Bestand oft nicht die einzelne Briefmarke toll findet, sondern das Feld seiner Briefmarken als Verwaltungsmaterie nutzt.
Die Anordnung der Marken, ihre Aufbewahrung, die Komplettierung eines Satzes usw. machen ihn zu einem Sammler, der sein Selbstgefühl im tätigen Umgang mit seinem Besitz steigert. Der Philatelist lacht nicht, er gerät nicht in Hitze, er empfindet keine Euphorie, sondern hat seine Lust im gesteigerten Selbst.
Das Vogelmuseum Heineanum ist auch danach angelegt. Es weckt die Lust an der Klassifizierung und Anordnung der Materie, an den Vögeln, die als Bälger zunächst nur Tatsachen sind. Doch wie kommt die Lust in die Tatsache? Durch die kühle Euphorie der Tatsachenverwaltung. Ihr Gründer, Ferdinand Heine, hat im 19. Jahrhundert diese nüchterne Lust ausgelebt und uns vererbt. Vielmehr das Resultat, die Sammlung, die deswegen ornithologisch heißt, weil Ornithologie historisch im Kern eben Lust am Zählen und am Einheimsen seltener Arten gewesen ist.
Sachlich sachfremd ist also das Museum, übrigens auch darin, übergriffig zu sein und Exponate bei anderen Museen einzuschmuggeln und dort abzustellen. Im benachbarten Domschatzmuseum, das eigentlich kostbare Reliquien und Edelsteine zeigt, hat es das Heineanum geschafft, Bestände aus dem Magazin (natürlich ausgestopfte Vögel) zu platzieren. Ein ziemlicher Erfolg, denn so ein Museum lebt, indem es zeigt, was es hat. Allerdings ist es auch ein Teil der Wahrheit, dass im Vogelmuseum seinerseits fremde Materie ausgestellt ist, Dinosaurier aus der Kreidezeit. Die Museumleitung kommentiert das nicht weiter.
Phänomenologisch betrachtet ist also das Vogelmuseum ungesättigt, arm an Phänomenen. Es kann nicht das Spektakel von Krähen zeigen, die abends ihren Schlafbaum aufsuchen und dabei immer wieder aufflattern, um im letzten Moment auf einem anderen Baum zu bleiben. Doch das Vogelmuseum in Halberstadt geht damit souverän um und nutzt die Vögel für die Verwaltungslüste rund ums Sammeln und Kategorisieren.
Sebastian Knöpker