Phänomenologie als Entwicklungsgebilde

Zeige auf einen beliebigen Punkt am Horizont und fahre dort hin, spricht der Autofahrer und freut sich über seinen Überschuss an Möglichkeiten. Natürlich fährt er kaum irgendwo hin, aber der unverstellte Horizont an Optionen bezaubert ihn auch so. Die klassische Überbesetzung des Möglichen hat ihren kleinen Bruder in den Möglichkeiten zur Möglichkeit, im so genannten Entwicklungsgebilde.

Es macht Spaß, mehr Möglichkeiten zu haben als überhaupt genutzt werden können, also sehr reich zu sein und spielerisch das Bargeld durch die Hände gleiten zu lassen. Genauso macht es auch Freude Möglichkeiten zu haben, die nicht genutzt werden und selbst als Möglichkeiten nur angedeutet werden.

Eine einfache Anwendung dieser Möglichkeit zur Möglichkeit findet sich in der klassischen Musik, in Bruckners Sinfonien etwa, wo die Klangmaterie an einigen Stellen leere Strecken bilden, in denen die Töne eine Art Pause machen. Natürlich pausieren nicht, sie erklingen ja, aber der Hörer macht aus ihnen nichts Zusammenhängendes und nichts Melodisches. Die tonale Auffassung der Musik ruht und das kann eine kleine Lust am Entwicklungsgebilde erzeugen.

Was macht da Spaß? Der Hörer reizt die Schöpfungshöhe nicht aus: er könnte auch aus diesen Tönen Zusammenhänge bilden und heraushören, aber er belässt es bei der Möglichkeit dazu. Das kennt man von langen Gesprächen, die ungezwungen verlaufen und wo es Zeiten gibt, wo keiner etwas sagt. In diesen Pausen sind lose Anfänge von Gedanken und mögliche Themen schon vorgezeichnet sind, werden aber nicht aufgenommen und verbleiben Möglichkeiten.

Der Reiche, der seine Hände in Bargeld taucht und den Scheinen herumwuselt, schöpft die Möglichkeiten im Horizont der Welt nicht aus und belässt es bei seinem Horizont der Potenz. Der Bruckner-Hörer geht noch einen Schritt weiter und vollzieht die Möglichkeiten zum Heraushören nicht und belässt so nicht nur den Welthorizont unberührt, sondern auch den Horizont des eignen Hörvermögens. Was bleibt, ist ein Bewusstsein von Möglichkeiten über das Mögliche.

Auch beim Gespräch ist das eine Delikatesse. Das Gegenteil ist dazu ein Gesprächspartner, der nicht nur die Möglichkeit denkt, den anderen aufgrund seiner falschen Grammatik zu verbessern, sondern auch diese Möglichkeit verwirklicht. Macht er das permanent, bewegt er sich in einem doppelten Möglicheitshorizont, in dessen Ausreizung beim anderen mit großer Sicherheit Verdruss entsteht. Was er nicht beherrscht, ist das Schweigen dem anderen gegenüber und dann auch das Schweigen sich selbst gegenüber, die Möglichkeit zur Verbesserung souverän noch nicht einmal anzudenken.

Die Lust an der Vorzeichnung besteht also in der Formel: Man könnte, wenn man wollte, macht es aber nicht und lässt auch das Denken der Möglichkeit des Handelns außer Acht, behält dabei nur die Möglichkeit im Griff, dass es da unbestimmte Möglichkeiten gibt. Daraus kann ein subtiler Reiz werden oder bloß Langeweile.

Ein äußert verfeinerter Sencha-Tee kann also im Schmecken wie ein Schluck Wasser wirken, weil er wirklich kaum nach etwas schmeckt. Er kann aber auch danach schmecken, wie er schmecken könnte, was einen feinen Reiz ausübt. Gleiches gilt für das meditative Schweigen, wo das Horizontbewusstsein der Möglichkeit zur Möglichkeit eine große Rolle spielt.

Sebastian Knöpker