Phänomenologie der Abschattung

Der echte Teekenner ist ein professioneller Anfänger: er kennt sich aus, betreibt aber Buchstabenverschwendung, redet er vom Geschmack einer Teesorte. Denn Tees aus Assam oder Darjeeling wandeln so viele Geschmacksnuancen an und um, dass die Unfassbarkeit zum Prinzip wird. Abhilfe schafft hier eine Phänomenologie der Abschattung.

Grautöne mit einem leichtem Stich ins Grüne, Gelbe oder Rote neigen zur Abschattung. Obwohl ihrem Wesen nach grau, tendieren sie in der Wahrnehmung zur Buntheit, also zu einem starken Grün, Gelb oder Rot. Sie bewegen sich auf die Farbe hin – und auch wieder zum Grau zurück. Das macht sie unfassbar, weil ihr empfundener Farbwert wechselt, obwohl die Farbe selbst gleich bleibt.

Auch beim Hören von Musik, Intervallen und einzelnen Tönen ist es oft so, dass eine Tonfolge sich auf Töne richtet, die folgen sollen. Was tatsächlich gehört wird, hat also noch etwas vor, will sich eine Oktave höher fortsetzen, sanft aushauchen oder die Klangfarbe ändern. Die gehörte Tonserie ist ohne Abschattung undenkbar.

Dasselbe gilt für das Schmecken. Hier gibt es Aromaserien, die sehr blass sind oder durch die Durchstimmung mit bitteren Tönen weit von reiner Fruchtigkeit oder Süße entfernt sind. Assam-Tees machen sich das zu Nutze, im Schmecken auf etwas Richtung zu nehmen, was in ihnen nur in geringen Spuren enthalten ist.

Ein angedeutetes Aroma kann eine Tendenz auf eine Grundform dieses Aromas haben, so wie eine graue Farbe eine Tendenz auf ein reines Blau haben kann. Dieses Tendenz ist schwankend und lässt einmal das reine Aroma schmecken, einmal das tatsächliche Aroma. Das angetönte Aroma schwankt also zwischen angegrautem Aroma und seiner Vollversion, so dass die Richtung als Richtungsnehmen zu einem Geschmack wird.

Wird also von „floralen Noten“ im Aufguss von Nepal Jun Chiyabari HSP First Flush geredet, so ist es die entsprechende Abschattungsserie, die gemeint ist; ihre Bewegung, die ihre eigenen Versionen immer wieder einholt und zurücknimmt. Wer das phänomenologisch nachprüfen will, macht sich eine Tasse Tee aus Jun Chiyabari, holt sich ein Bildband über das Werk von Eugène Delacroix und hört sich dazu Claude Debussys La Suite bergamesque an.

Sebastian Knöpker