Phänomenologie der Entschlossenheit

Entschlossenheit kann eine Lust sein, auf der man sitzen und auch reiten kann. Denn der Reiter auf seinem gut versammelten Pferd spürt, wie es aus dem Stand rückwärts, vorwärts oder seitwärts losreiten kann. Im Leib des Pferdes haben sich viele Optionen angesammelt, die sich auf den Reiter übertragen, fassbar werden und eine wirkliche Lust der vielen Möglichkeiten bildet.

Das versammelte Pferd nimmt eine körperliche Haltung ein, durch die es unmittelbar zu Piaffen, Travers und Renvers bereit ist. Alles ist ihm an Bewegungsform in Reichweite gegeben, ohne vorher zu stocken, umständlich anzusetzen oder Stützbewegungen machen zu müssen. Dazu werden u.a. die Hinterbeine stärker als sonst gebeugt, so dass sie weniger Schubkraft und mehr Tragkraft des Körpergewichtes leisten.

Weil weniger Gewicht auf den Vorderbeinen lastet, wird das Pferd entsprechend leichtfüßige und könnte in jedem Moment nach Norden, Süden, Westen oder Osten losreiten. Das Gebäude des Pferdes wird auch dadurch geändert, den Hals zu heben und zugleich das Gesäß zu senken. Auch dadurch ändert sich der Körperschwerpunkt und das Pferd wird tänzerisch ertüchtigt. Selbst ganz unbewegt, hat das Pferd und auf ihr der Reiter alle diese Möglichkeiten zur Bewegung im Griff.

Das ruhige Versammeln und Beherrschen sehr vieler Bewegungsformen ist für Pferd und Reiter eine Lust und zugleich eine Form der gelebten Freiheit, die auf Basis der Dressur als Freiheitsberaubung beruht.

Dressur heißt nämlich zunächst, das Tier nach und nach in eine beengende Form einleben und einpressen zu lassen, dass es sich darin einwohnt. Was so einem Pferd zunächst entschieden als Einengung vorkommt, wird so peu à peu Gerüst und Stütze, also zu einem Horizont frei abrufbarer Möglichkeiten. Praktische Phänomenologie als Aufbau eines Hofes an Optionen samt deren Beherrschung und Moral fallen hier nicht zusammen, weil die gelebte Freiheit nicht mit moralischen Normen übereinstimmt.

Der tiefere Grund hierfür liegt in der Unterscheidung von Inhalt und Akt: für die Moral ist der Inhalt entscheidend, für die Phänomenologie der Vorgang selbst als Aktfolge. Phänomenologisch geht es darum, Möglichkeiten leiblich zu koordinieren und in Propriozeptionen zu wandeln. Weniger technisch ausgedrückt wird die Seele verleiblicht und das materielle Ding namens Körper in Möglichkeiten gewandelt, die in ihrer Gesamtheit als Horizont ein Freiheitsgefühl ermöglichen. Es geht dabei nicht so sehr um das, was möglich gemacht wird, sondern um das Machen der Möglichkeiten, also um den Vorgang selbst, der als Aktfolge unendlich ist und sich stets erneuert, bis Geist und Leib erschlaffen.

Es geht also nicht darum, was inhaltlich in potenzieller Reichweite ist, sondern dass eine solche konkrete Reichweite aufgebaut wird, so dass ihr Beherrschen eine Erfahrung von Lust und oft auch Freiheit ermöglicht. Das gilt auf jeden Fall für den Reiter, der im Spüren des Pferdes die Versammlung auch an und in sich erfährt, so wie er selbst auch versammelt sein muss, um nun tatsächlich loszureiten, Gang-, Tempo und Richtungswechsel vorzunehmen.

Wer nicht reitet, kann sich an seinen eigenen Körper halten und diesen vermöglichen. Die eigene Stimme als Zwischending zwischen Leib, Seele, Körper und Raum kann ebenso vermöglicht werden. Man muss dafür mit seiner eigenen Stimmkraft auseinander setzen und eine Dressur der Stimme vornehmen. Das glückliche Resultat kann in singender Freiheit bestehen.

 

Sebastian Knöpker