Zubehör der Seele

Arbeitet der Mensch, braucht er ein Zubehör, nämlich den Sinn dieser Arbeit. Leidet der Mensch, braucht er dafür ebenfalls eine Sonderausstattung für seine Seele: er muss wissen, warum und wofür er leidet. Einfach so vor sich hin leiden kann er nicht. Da solche Zusätze im Lieferumfang der Wirklichkeit nicht enthalten sind, müssen sie zum Leben hinzuerfunden werden.

Das Leben wird nicht schlicht hingenommen, sondern mit Überbauten ausgestattet, die über die Situation selbst hinaus weisen. Es sind kleine existenzielle Ausschmückungen, die unverzichtbar sind. So ist es dem Menschen nicht möglich, bloß vor sich hinzuleben und reinen Vollzug zu betreiben. Er braucht existenzielle Zusätze.

Zu diesem Zubehör gehört die Weltensetzung hinter dem gerade aktuellen Weltausschnitt. Raum, Zeit und Zweck sind dabei nicht auf das Hier und Jetzt begrenzt, sondern erhalten einen Sonderhorizont als Zusatzausstattung.

Das macht Spaß, kocht man und legt sich alle Zutaten und Geräte vor dem Kochen zurecht. Das Resultat ist eine mise en place: die Dinge verweisen in einer schön einfachen Struktur aufeinander, auf die Zukunft, auf das sinnvolle Nacheinander, und auf ineinandergreifende Zwecke. Man hat die Lage im Griff. Was kommt, ist schon vorbestimmt und schimmert bereits durch.

Es ist also nicht so, dass Messbecher, Butter, Eier, Schüsseln und Mehl nur dastehen und sich auf ihre reine Gegenwart beschränken. Sie gehen in der Wahrnehmung des Kochs über sich hinaus und tragen in sich eine vorgezeichnete Struktur. Die kleine Kochwelt wird bewältigt und in diesem Horizont fühlt man sich sehr wohl. Deswegen kochen auch viele Leute so gerne, da sie darin aus einer Zusammenstellung von Dingen eine Welt machen können.

Tatsächlich kann niemand ohne diese Weltdurchdringung leben und braucht immer ein grundsätzliches Verständnis der Welt, also einen motorischen und teleologischen Verweis der Gegenwart auf die Zukunft.

Verschwörungstheoretiker sind also gar nicht so absurd in ihrem Denken, da sie in der Setzung der Freimaurer, die aus ihrer Loge heraus die Welt steuern, ein Zubehör der Seele hervorbringen. Es besteht in der Vorstrukturierung der Welt, in der aus der bloßen Gegenwart ein größerer Zusammenhang gesetzt wird. Dieser Seelenzusatz besteht darin, einen Generalhorizont von Zweck, Kausalität und raum-zeitlichen Abläufen vorab zu setzen. Erst darin gewinnt der Mensch ein Verhältnis zur Welt.

Da er nun ohne dieses Grundverhältnis nicht sein kann, wird die Mutter als Weltstrukturen auf jeden Fall gesetzt. Manche Menschen machen sich dabei nicht viel Mühe und kaufen sich ordnende Ideen billig ein. In einer Welt, in der offenkundig die Dinge nicht richtig ablaufen, ist dabei der Zugriff auf eine elementar einfache Ausdeutung nahe liegend. Es erspart den Aufwand, die prinzipielle notwendige Vorstrukturierung der Welt vorzunehmen.

Die Logik dabei ist bestechen: da nun mal Leben immer einen Generalhorizont voraussetzt, also über das hinausgehen muss, was faktisch ist, wird die gesuchte Struktur ohne große Rücksicht auf Inhalte, Argumente und Ideen in einem Ruck gesetzt. Der Rückgriff auf die Verschwörung ergibt sich dabei aus dem Verlangen, die Dinge zu durchschauen, was wiederum bedeutet, das Negative und schief Laufende zu sehen. Der kritische Impuls bezieht sich demnach nicht auf das zweifelfreudige Durchdenken der Welt, sondern auf die Absicherung der bloß formalen Setzung der Weltstruktur. Es gilt: Struktur vor Inhalt. Deswegen lassen sich Verschwörungstheoretiker auch nicht auf inhaltliche Diskussionen ein.

Es liegt also ein Vermeidungsverhalten vor, deren Tendenz Martin Heidegger auf seine Weise ansprach. Für ihn geht es um ein Abstrahieren dieser existenziellen Strukturen, um daraus Strukturpoesie zu machen. Wer sich gar nicht mit konkreten Seelenzubehör beschäftigen will, findet bei Heidegger eine Zeit lang einen warmen Ort, weil hier bedacht wird, welche Grundbedingen die Existenzialien wohl erfüllt werden müssen. Das Denken darüber macht es überflüssig, diese auch zu leben. Das gilt jedenfalls so lange, wie man darüber nachdenkt.

Sebastian Knöpker