Phänomenologie des Mittelpunktes

Fährt das kleine Kind aus Unachtsamkeit mit dem Fahrrad in die Hecke, weint es. Es weint noch viel heftiger, wenn das geneigte Publikum aus Onkel, Tante und Oma besorgt darauf reagiert. Das Kind betreibt ein Spiel von Mittelpunkt und Peripherie und eine Phänomenologie des Mittelpunktes entsteht.

Wie kann ich unfehlbar auf andere wirken? Wie kann ich selbst Mittelpunkt werden, indem meine Mitmenschen freiwillig als empfängliche Peripherie dienen?

Entweder man wird wieder zum Kind oder man verlagert das Spiel von Zentrum und Außenbezirk auf sich selbst. Denn auch in einem Subjekt gibt es Verhältnisse von Mitte und Rand. Schafft man es, in sich etwas zum Mittelpunkt werden zu lassen, spart man sich die unerwiderte Sehnsucht nach Aufmerksamkeit seiner Mitmenschen.

Eine Zwiebelsuppe, seit sechs Stunden auf dem Herd und während dieser langen Zeit fachkundig betreut, ist ein Kandidat für die Zentrumswerdung. Die lang gegarten Zwiebeln setzen nämlich mit ihrer Süße alles zu sich in Beziehung und verbinden Aromen miteinander, die sich sonst nichts zu sagen haben. So bildet die Zwiebelsüße die Brücke für Karamellaromen, Thymian und Essigsäure. Ohne die Zwiebel im geschmacklichen Zentrum könnte das Saure sich mit dem Karamell und dem Thymian nicht verbinden. Die Aromen würden lediglich nebeneinander stehen.

Weil die süße Zwiebel aber sehr andockfreudig ist, setzt sie sich ins Zentrum und schafft sich mit diversen Nebenaspekten eine ausgedehnte Peripherie. Für den Menschen, der die Suppe löffelt und sich daran erfreut, ergeben sich nun zwei Verlagerungen von Mitte und Rand. Zum einen tritt der Ichpol als Mutter aller Bezüge kaum noch in Erscheinung und wird vom Geschmackseindruck spielend verdrängt. Zum zweiten ist dieser Geschmack in sich so aufgebaut, dass er eine klare Mitte hat, von der aus das Randständige, die erste und zweite Reihe bestimmt wird.

Die Stärke der Phänomenologie ist es dabei, die Bildung von Mittelpunkten ungeachtet ihrer Inhalte zu verstehen. So hat der Gottgläubige, der sich an seinem Gottesgehorsam erfreut, keine andere Basis in sich für seine innerliche Frömmigkeit wie der Genuss einer Zwiebelsuppe. Denn auch bei ihm bildet sich außerhalb des wachen Ich ein Mittelpunkt im Selbst, sei es im Form einer Stimme oder nur als affektive Präsenz, die ebenfalls die Bewusstseinsgehalte um sich herum versammeln und bestimmen können. Ein Mensch Gottes folgt also in sich seinem Mittelpunkt, den er Gott nennt und als solchen auffasst und empfindet. Dieser göttliche Mittelpunkt hat gegenüber den vielen kleinen Zentren der Zwiebelsuppe eine höhere Befehlskraft. Bei der Zwiebel reicht die Befehlsreichweite nicht über einige benachbarte Aromen hinaus, beim Gläubigen können sie hingegen den ganzen Menschen bis ins letzte Detail bestimmen und ausrichten.

So gilt allgemein: Erscheinungsgehalte des Bewusstseins sind nicht nur Daten oder Konvolute, die vom Ich aus regiert und aufgefasst werden. Jeder einzelne Gehalt kann von sich aus auf weitere Inhalte zugreifen und diese in eine Hierarchie bringen. Die Abhängigkeiten und Unterordnungen sind dabei im Alltag in der Regel so geordnet, dass in der Regel kein ausschließliches Verhältnis von Erscheinungsgehalt zum Ich besteht. Es gibt zwischen den einzelnen Gehalten ebenfalls zentralisierende Verhältnisse, die ihrerseits einen Mittelpunkt haben können. Diese wiederum stehen in einem Verhältnis zum Ich, in welchem Zentrum/Peripherie ebenfalls jederzeit umschlagen können. So bildet sich ein unübersehbares Feld von Zentralisierungen und Zerstreuungen, die den Gegenstand der Phänomenologie des Mittelpunktes bilden.

 

Sebastian Knöpker