Banken haben einen Riecher für schwachen Besitz. Der ideale Kunde ist für sie der reiche Zahnarzt ohne echte Bindung an sein Eigentum. Der Zahnarzt findet es schlimm, wenn er einen Fünfeuroschein verliert, bemerkt aber die Finanzunsauberkeiten seiner Bank durchaus nicht. Er ist ein schwacher Besitzer.
Schwacher Besitz ist juristisch eindeutig definiert, lebendig aber nicht vollzogen. Ein überraschendes Erbe kann so zu schwachem Besitz führen, ein geerbtes Haus zwar anzunehmen, es aber nicht als das Eigene zu empfinden. Es entsteht dann eine Schwebe zwischen Besitz und Nichtbesitz. Auch eine schwarze Kasse ist inoffizielles Eigentum, schwacher Besitz, der einen starken Besitzer haben kann, den inoffiziellen Schatzmeister. Es ist angenehm, etwas zu besitzen, das nicht das Eigene ist und das offiziell gar nicht existiert.
Der Reiz besteht im Kokettieren mit dem Geld. Kokettieren meint dabei, eine Möglichkeit abwechselnd als Realität und als Unwirklichkeit zu betrachten. Das ist z.B. der Fall, wo ich ein attraktives Jobangebot bekomme, das ich durchspiele, mit dem ich mich identifiziere und von dem ich mich dann auch wieder distanziere. Die Schwebe besteht dabei im wechselnden Bezug von Subjekt und Qualität.
Viel schwachen Besitz gab es auch in der DDR. Das Land hatte sich als Besitzer übernommen und konnte seine Rolle nicht ausfüllen, weil seine Genossen nicht stellvertretend-volkseigene, sondern lieber gleich richtige Besitzer sein wollten. Vieles bliebt auch ganz ohne Besitzer, was dann den Charme der DDR mit ausmachte, so etwa die vielen Brachflächen. Umgekehrt wirkt ein Land, in dem jedes Grundstück einen Besitzer hat, angestrengt, weil alles verteidigt wird. Es gibt zu wenige terrains vagues.
Die AfD sieht in der Bundesrepublik Deutschland erklärtermaßen schwachen Besitz, der starke Besitzer braucht, also AfD-Kader, die sich daran bedienen. Die Argumentation ist eine der Stärke: schwacher Besitz braucht starke Besitzer, Schwäche muss ausgenutzt werden. Das ist die Ausweitung des Kaufzwangs eines Sonderangebotes im Supermarkt, bei dem man kauft, weil es so billig ist. Die AfD macht es zum Programm, legal zu stehlen, weil der schwache Besitz diese Möglichkeit zulässt. Möglichkeit wird für sie zur Notwendigkeit. Dagegen sind die herkömmlichen Aneignungsbewegungen der etablierten Parteien zivilisiert. Sie stehlen nicht zu sehr und nehmen nur ab und zu und heimlich einen Schluck aus der Flasche.
Für eine Partei wie die AfD ist es das Schlimmste, wird ein Hausbesitzer enteignet, weil er sich nicht um sein Haus kümmert. Der juristische Besitztitel ist für sie alles, nichts dagegen die Verpflichtung, Eigentum auch zu nutzen. Hausbesetzungen, wie sie in Frankreich und Spanien per Gesetz bei schwachem Besitz möglich sind, sind für sie das reinste Verbrechen gegen die besitzende Menschheit. Geht es um die Wahrung von Besitz, ist der Rechtsstaat, den sie sonst zerstören wollen, unantastbar.
In Frankreich zeigt sich dabei, was geschieht, wenn ein schwacher Besitzer von Hausbesetzern, die ihrerseits schwache Besitzer sind, enteignet wird. Die Besetzer sind oft Katalysatoren des Herunterwohnens; sie verbrauchen die Haussubstanz im Zeitraffer. Auch das Herunterwohnen kann eine Mission sein, eine echte Aufgabe.
Phänomenologisch ist der Übergang von Besitzbarem zu Besitz als das, was das Selbstgefühl des Besitzers mit ausmacht, eine metaphysische Frage. Wie kann das Fremde zum Eigenen werden? Wie kann durch Inbesitznehmen Identität entstehen, dieses warme Gefühl des Selbsteigenen? Die Frage ist, wie es überhaupt dieses Eigene als Grundgefühl geben kann. Das Eigentum ist ein Modus, etwas so auf sich zu beziehen, dass es sich selbst gegenwärtig ist, einen Selbstbezug als personale Sichselbigkeit hat und die abstrakte Gleichung Ich=Ich fühlen zu lassen.
Sebastian Knöpker