Charles Bukowskis Geschichten über Säufer in kleinen Zimmern, die morgens statt Frühstück erst einmal kotzen und dann mit einer ausgebrannten Frau so etwas wie Sex haben, sind ausgesprochen plastisch. Liest man Bukowski, entsteht sofort eine Welt. An historischen Orten fehlt diese Plastizität oft: eine Tafel informiert über die Vergangenheit, die bloße Konserve bleibt.
Das Historische an historischen Orten ist oft schlicht unaufweckbar vergangen. Die Schauplätze werden nicht wieder lebendig, nicht durch Führungen, nicht durch Schautafeln und Videos. Fand auf einem Acker eine Schlacht der Preußen gegen die Franzosen statt, so bleibt das historische Notiz und ist so schlicht wie ein beliebiger Acker in der Gegenwart selbst.
Das liegt anscheinend daran, das es nichts zu sehen gibt. Aber es gibt auch historische Orte „ohne alles“, die trotzdem lebendig werden. Dazu zählt die KZ-Außenstelle Zwieberge in Halberstadt. Hier wurden Zwangsarbeiter eingesetzt, um Flugzeuge zu bauen und sich dabei selbst zu verbrauchen. Die Idee war es also, zugleich Tragflächen für Flugzeuge zu bauen und Menschen durch Arbeit sterben zu lassen.
Vor dem Lager mussten sich die Insassen morgens und abends zum Appell aufstellen. Das Abzählritual war umständlich, pedantisch und dauerte auch bei Regen sehr lange. Der Appellplatz ist bis heute original erhalten, d.h. als leerer Platz mit ein wenig Stacheldraht am Rande als Lokalkolorit. Eine Tafel informiert über die Geschichte des Ortes, dessen vergangene Choreographie für den Besucher lebendig wird.
Das liegt an der Raumwahrnehmung, in der man nicht nur das sieht, was ist, sondern den Raum durch motorische und kinästhetische Figuren bevölkert. Das fängt einfach an, so bei einem Sofa aus Schaumstoff, dass man im einfachen Hinsehen ohne Hinsetzen schon als äußerst nachgiebig und also unangenehm empfindet. Was man nicht direkt erlebt (das unkontrollierte Einsacken in das Sofa), das wird vorweggenommen und dadurch bereits präsent.
Auch ohne Sofa, ohne Möbel, ohne Ding können Motorik, Berührung und Kinästhesen in einem leeren Raum empfunden werden. Ein ganz leerer Supermarktparkplatz wird so als unsicheres Terrain empfunden, steht man als Fußgänger auf seiner Mitte. Parkplätze dieser Art ziehen kopflose Autofahrer an, auch sonntags und nachts, die merkwürdige Bewegungsroutinen absolvieren. Der Parkplatz bleibt stets gefährlich, weil die Möglichkeiten unkontrollierter Autofahrten selbst bei absoluter Stille stets eingezeichnet sind. Diese Skizzen der Wirklichkeit bilden eine Wirklichkeit in der Realität und erweitern sie auf diese Weise.
Der Appellplatz des Vernichtungslagers ist auf eben diese Weise zu verstehen, weil wir eigene Erfahrungen in diesem Bereich haben. Das kann etwas ganz Harmloses sein, die Versammlung vor der Schule bei Feueralarm, die öffentliche Zeugnisvergabe, das Schlangestehen auf dem Flughafen, der öffentliche Aufruf im Stadion etc. sind räumlich leicht reaktualisierbar. Sehen wir also den Appellplatz, so können wir mit unseren Behelfserfahrungen doch die damalige Choreographie in die heutige Leere einbringen. Gerade weil der Platz leer ist, gelingt das gut. Dadurch wird er lebendig.
Die Vorstellung der Vergasung in einer Kammer wird dagegen nicht leicht aktiviert, weil entsprechende Vorerfahrungen fehlen und stattdessen eine räumliche Beklemmung spürbar wird, die aber sehr viel phantastischer ist als das, was man beim Appellplatz erlebt. Denn dort investiert man eigene Erfahrungen, die dem Typ nach dem Appell entfernt entsprechen. Jeder weiß, wie es ist, wenn endlos lange Namen aufgerufen werden, man den eigenen Namen dann überhört oder durch situative Verblödung sogar vergessen hat, wie man heißt. Auf diese Weise wird ein leerer Ort zu einem gelebten und erfüllten Ort, zur lebendigen Vergangenheit.
Sebastian Knöpker