Johann Gleim war ein Lyriker des 18. Jahrhunderts, der einfache und volksnahe Gedichte schrieb, die der damals strengen und staatstragenden Lyrik den steifen Ton nahm. Zu seiner Zeit war er die Zukunft der Literatur. Die wurde bald darauf Gegenwart, ist aber heute aber längst Vergangenheit. Was macht man nun mit einem Schriftsteller der vollendeten Vergangenheit? Man widmet ihm ein Museum.
Niemand mag es, auf einem Gehweg mit starkem Gefälle längs zur Gehrichtung zu gehen. Noch schlimmer ist es aber, in einem Wohnzimmer zu leben, das von Süden nach Norden krängt. Das ist ungemütlich und mühselig, geht man im Zimmer auf und ab. Genau so ein krängendes Wohnzimmer ist das Prunkstück des Literaturmuseums Johann Wilhelm Ludwig Gleim in Halberstadt. Um ganz authentisch zu wirken, fehlen Gleims guter Stube nur noch Essensreste auf dem Holzfußboden. Dann würde jeder Schritt so knirschen, als ob man auf Zwieback oder Knäckebrot ginge.
Gleim war ein Lyriker des 18. Jahrhunderts (1719 – 1803), der sich durch fleißiges Dichten selbst abschaffte. Seine Spezialität waren einfache und frivole Wortspiele. Profitiert haben davon die nachfolgenden Autoren, die so frei über ihre subjektiven Eindrücke auf hohem Niveau schreiben konnten. Gleim war also kein großer Autor, sondern Wegbereiter für kommende Größen (Karl Philipp Moritz, Johann Gottfried Seume).
Goethe besuchte ihn und wurde von seinem Freundschaftsangebot als affektiver Soße abgestoßen. Vorsichtshalber lässt das Museum diese Episode unter den Tisch fallen. Man kann sie aber nachlesen. Stattdessen wurde der Besuch von Johann Gottfried Herder im Maßstab 1:100 nachgestellt. Ein Modellhaus zeigt den großen Empfang von Herder und seiner Familie.
Gleim war weder ein großer Autor, noch einer, dessen Subjektivität für uns heute anziehend ist. Mit Kafka kann man etwa als Leser heute noch eine lebendige Beziehung haben und dessen Persönlichkeit sehr gut aus seinen Geschichten, Tagebüchern und Briefen herausspüren. Man kann sich mit dem Menschen Kafka intensiv beschäftigen, was mit Gleim nicht möglich ist. Er lebte zu sehr an der Oberfläche.
Allerdings vereinte er bei sich in Halberstadt die damalige Literaturrepublik, fast alles, was Rang und Namen hatte, genauer, was einen solchen Rang erst noch bekam. Johann Gleim lud alle Autoren ein, in denen er einen Wert sah und ließ von seinen Besuchern dann ein Porträt anfertigen. Diese Porträts ließ er in seinem krängenden Wohnzimmer aufhängen und machte so den ersten Schritt zu einem Literaturmuseum.
Da Gleim finanziell gut geschmattet, aber nicht knauserig war, half er Kollegen ohne Finanzen aus. Johann Gottfried Seume konnte seine Sizilienreise nur deswegen machen, weil Gleim ihm das Geld dafür gab. Daraus wurde dann der Spaziergang nach Syrakus, also echte Literatur. Gleim sagte Seume dazu, er solle das Geld zurückgeben, wenn er reicher als sein Bankier werde.
Das Museum konzentriert sich auf diesen Gleim, den Förderer und auf seine Versuche, Freundschaft zu in Briefen, Porträts und Handschriften zu materialisieren. Komischerweise ist das genau das, was das Museum heute an Substanz ausmacht. Die damaligen Versuche Gleims, die Literaturrepublik in Flaschen abzufüllen, sind der Grund dafür, dass das Museum immer noch existiert.
Dabei sind heute neue Techniken der Visualisierung dazu gekommen, so insbesondere die Wäscheleine. Auf ihr hängt Seitenweise ein Buch über Seumes Sizilien-Reise, die 2022 von einer Frau nochmals abgegangen wurde. Bilder und Tagebucheinträge von dieser Reise hängen dann auf der besagten Wäscheleine, die für eine etwas klägliche Kubikräumlichkeit sorgen soll.
Sebastian Knöpker