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Museum Lyonel Feininger in Quedlinburg

In modernen Kunstaustellungen wohnt oft vieles durcheinander: die Kunst, Gastronomiefaxen und ein Kinderspielplatz. Es riecht oft im ganzen Museum nach Essen, die Kaffemaschine röchelt laut in alle Räume hinein und für die kleinen Kinder gibt es überall Mitmachangebote, ganz so, als müsste es so sein. Das Feininger-Museum in Quedlinburg ist eine Variante dieses nichtsnutzigen Ragouts. Doch wer nicht mit sehenden Augen schielt und mit gekreuzten Fingern tastet, wird dort trotzdem zufrieden sein können.

Das Feininger-Museum in Quedlinburg ist die Verkleinerung eines Museums mit viel Abtropfgewicht. Es ist wie ein Gurkenglas mit zwei Gürkchen und viel Sud. Zieht man die Sonderausstellung, die Werke von Feiningers Verwandten, die pädagogischen Angebote an die kleinen Museumsbesucher, den Museumsshop und das repräsentative Foyer ab, bleibt Raum für etwa zwanzig Bilder und Lithographien von Feininger.

Ist bei dem Wenigen Qualität dabei? Ja, ist sie. Eine schöne Nebensächlichkeit ist das Holzspielzeug, die Feininger für einen Spielzeugfabrikanten entwarf, der sich dann aber nicht für die Serienfertigung entschied. Feiningers Kinder konnten damit spielen, während er selbst aus den Häusern und Eisenbahnen ein Diorama machte, das Alfred Kubins apokalyptischen Roman Stadt am Ende der Welt illustrierte. Kinder und Künstler sahen in denselben Dingen etwas ganz Anderes und koexistierten damit friedlich.

Zur Qualität: Lyonel Feininger hatte einen Sinn, Farbe nicht totzumalen, sondern durch sparsamen Einsatz besonders farbfreundlich erscheinen zu lassen. Das sieht man bei einem Aquarell, auf dem in Grautönen ein Kirchturm gemalt ist, bei dem eine Fenstereinfassung in strahlendem Blau erscheint. Die Binnenstruktur der Einfassung, die abstrakte Linien mit ebensolchen Schatten und Schattierungen umfasst, lässt die Farbe aus dem Grau auftauchen und macht sie zu einem Superplus an Blau.

Diese Selbstübersteigerung der Farbe kommt wiederum bei dem abstrakten Muster als der inneren Struktur der Fenstereinfassung so zur Geltung, dass ein Gegenstand erscheint, der keine konkrete Entsprechung hat. Es ist ein unsagbarer Gegenstand, ein konkretes Ding, erleichtert um jede genauere Bestimmung. Feininger erfindet dadurch einen Gegenstand, den es nicht gibt und der deshalb umso wirklicher ist.

Eine andere Qualität Feiningers ist es, eine Lichtwirkung aus dunklen Farbwerten zu erzeugen, die unmerklich changieren und ineinander übergehen. Anders als Rembrandt musste er dabei nicht auf graugrünliche Brauntöne zurückgreifen und konnte farbenfroher vorgehen. Seine Farbpalette ist nicht so trist, schönseliger, aber trotzdem tiefgründig.

„Licht aus Farbe“ zeigt sich in einem abstrahierenden Bild Feiningers, der ein maritimes Sujet mit offenem Horizont ins Weite zeigt. Es wirkt dadurch, dass kein Beleuchtungslicht und keine gemalte Lichtquelle in dem Bild vorhanden ist. Das Licht stammt für den Betrachter aus den gemalten Farbflächen, leuchtet aus sich heraus, was für sich betrachtet schön ist, dann aber auch einen Überschuss an Wirklichkeit bedeutet. Wo Licht ist, aber eigentlich keins sein kann, da wird ein Mehr und Plus ultra an Selbstpräsenz gewonnen. Da man dieses Plus nicht verorten kann, die Wirklichkeit also nicht an der Wirklichkeit des Gemalten festmachen kann, umgibt das Bild eine Überwirklichkeit.

Das Kriterium für ein gutes Kunstmuseum ist es, dass mindestens ein Kunstwerk fesselt. In Quedlinburg sind es zwei; noch genauer sind es zwei von etwa zwanzig, wodurch eine gute Verdichtung gegeben ist. Der eigentliche Grund für die geringe Quantität Feiningers Kunst ist dabei ein verlorener Rechtsstreit, in dessen Folge die meisten Werke an Familienmitglieder Feiningers abgegeben werden mussten. Es ist also nicht viel da, was aber auch nicht den Fetisch erklärt, das Entrée des Museums so überzudimensionieren und ein so ungünstiges Flächenverhältnis von Dauerausstellung zu Sonderausstellung zu wählen.

Sebastian Knöpker