Phänomenologie der Fundierung

Rauchen kann Halt geben. Der Raucher kann sich gut an einer Zigarette festhalten. Dabei hält er doch eigentlich die Zigarette fest, oder? Fundiert und fundierend sind eben zweierlei: was physikalisch fundiert ist, kann zugleich phänomenologisch fundierend wirken. Eine Phänomenologie des Fundierens tut Not.

Das Bierglas in der Hand sorgt für Halt in der vollen Bar, wo man der einzige ohne Anschluss ist. Man fühlt sich erst einmal gerettet und kann die Zeit überbrücken, bis die Freunde kommen. Das Bier hat dabei eine leibhafte Wirkung, weil es auch den Boden fundiert, auf dem man steht. Der ist nicht bodenlos, sondern gibt ebenfalls Halt.

Fundierend können aber nicht nur Dinge wirken, sondern auch Verhältnisse. Der Klassiker unter den fundierenden Verhältnissen ist die Sorge für die Familie. Wer unter möglichst großen Opfern seine Familie unterhält, fühlt sich darin wohlfundiert und empfindet einen leibhaften Sinn in seinem Alltag. Deswegen haben viele Menschen auch einen ausgeprägte Neigung, es sich möglichst sauer ergehen zu lassen beim Verdingen, denn in der Mühsal steckt eine besondere Fundierungskraft.

Doch geht es auch einfacher: der Leib kann sich selbst fundieren und z.B. durch die Ethik des Gehens, den Tanz, zum tragenden Element werden. Tanzen, Rudern oder Klettern haben die Tendenz, durch fortgesetzte Anstrengung auch für eine Fundierungsleistung zu sorgen. Man merkt die bessere Fundierung dann u.a. an den geänderten Bodenverhältnissen, demnach man fundierter auf der Erde steht.

Wie leibliche Weite, Enge, Leichtigkeit, Schwere etc. ist das Fundiertsein oder der Mangel an Halt eine leibliche Grundqualität. Es gibt keine Leiblichkeit ohne Fundierung oder Haltlosigkeit. Auch die abstraktesten Fundierungsverhältnisse wie etwa die Erwerbsarbeit können sich nur über den Leib fundierend geltend machen. Wer hart arbeitet und sich darin fundiert fühlt, der spürt darin ein Getragenwerden durch seien eigenen Leib.

Die Fundierungspolitik des Einzelnen ist sowohl eine Frage seiner Selbstregierung wie auch die des mentalen Kommerzes. Denn Fundieren kostet, d.h. es ist auf die Weise gebührenpflichtig, für das gespürte Fundament etwas investieren zu müssen. Besonders hohe Unkosten verursacht der Halt durch eine Neurose oder ein Trauma. Der traumatisierte Mensch kann durch seine Problematik eine Fundierung erreichen, sich also an sein Trauma anlehnen. Allerdings wird er dafür teuer bezahlen, indem er sein Trauma schlecht wieder loswird. Denn es gibt ihm Halt, gerade indem er leidet.

Eine Phänomenologie des Fundamentes besteht in praktischer Hinsicht entsprechend in der Hervorbringung von Fundierungen, also in der Schaffung von Verhältnissen, die den Menschen einen sicheren Stand bieten. Rauchen, Trinken und das Betrieben eines Traumas der Fundierung wegen sind so schlechte Modelle der Erdung. Als Gegenmodell gelten die Klassiker um die Arbeit im Gemüsegarten oder das Singen, die schlichte und effiziente Teilfundierungen leisten.

Sebastian Knöpker