Die Paralleleexistenz

Als Andenken nimmt man schon einmal ein Steakmesser oder ein Schnapsglas aus einem Restaurant mit. Es gibt auch Leute, die stecken bei einem Besuch eines Bekannten ohne zu fragen eine Kleinigkeit mit, ein Buch oder ein Glas mit bulgarischen Gewürzen ein. Schlimmer noch: manchen nehmen gleich den ganzen Menschen mit und hauchen ihm eine Parallelexistenz ein.

Interessante Mitmenschen werden oft als Material mitgenommen. Man unterhält sich mit ihnen eine Weile und nimmt sie dann mit nach Hause, d.h. beschäftigt sich mit ihnen, stellt Beobachtungen und Vermutungen über sie an. Ein virtuelles Gespräch beginnt und der Andere wird zum heimlichen Hobby.

Der echte Umgang ist dabei nicht vorgesehen oder wird aber hingenommen, wenn man sich mal wieder trifft. Entscheidend ist aber die innere Arena als Selbstgespräch. Man hat den Anderen ja schon, warum also soll man tatsächlich mit ihm reden?

So fürchte ich, bei vielen Menschen eine solche Schattenexistenz zu führen. Sie stellen sich lauter Fragen über meine Existenzweise: warum hat er nur 50 Bücher bei sich im Regal stehen? Warum stehen überhaupt so wenige Möbel in seiner Wohnung? Warum trinkt er Wein manchmal aus der Kaffeetasse? Warum ist er so, wie er ist?

Besondere Vorsicht ist bei den Kulturschnäppchenjäger angebracht: sie zahlen möglichst keinen Eintritt für eine Kulturveranstaltung, räumen das Buffet in ihre Handtasche und erhöhen ihren Nettogewinn noch dadurch, interessante Menschen für sich zu Hause mitzunehmen. Sie betreiben das, was die Österreicher ausforschen nennen, also eine Mischung aus Interesse und polizeilicher Neugier.

Später werden die so gewonnenen Informationen in kleinen Portionen verdaut, phantasievoll angereichert und so in Mutationen überführt. Zwar kenne ich keine Details, aber es ist doch eine unangenehme Vorstellung, auf diese Weise in anderen Menschen zu existieren.

Sebastian Knöpker