Phänomenologie der Zuständigkeit

Wer echte Probleme hat und nicht mehr weiter weiß, hat ja immer noch die Zuständigkeit. Gemeint ist das Gefühl, dass irgendjemand ja wohl zuständig für die eigene Problemlage sein muss. Das gilt auch umgekehrt: manche Menschen fühlen sich prinzipiell für was auch immer zuständig.

Die Zuständigkeit ist nicht darauf angewiesen, für etwas Bestimmtes verantwortlich zu sein. Sie kann ohne Wofür und Warum die Menschen bewohnen, ausrichten und steuern. Manche Beziehungen beruhen so darauf, dass zwei Menschen zusammenkommen, die von ihrer Zuständigkeit her auch zusammen passen. Der eine spürt einfach, dass Jemand für ihn da sein und sorgen muss, während der andere entsprechend in der Selbstverpflichtung lebt, für das zuständig zu sein, das über das eigene Selbst hinaus geht.

Meist hat der Zuständigkeitshilflose eine besondere Antenne dafür, wer sich zuständig fühlt, peilt diese Menschen an und tut den Zuständigen den Gefallen, nun für den Anderen da sein zu können. Wenn er schon nicht für sich selbst sorgen kann, dann hat es die Natur gut eingerichtet, doch zu wissen, wo es beim Mitmenschen einen Überschuss an Zuständigkeit gibt.

Entwicklungshilfe scheitert regelmäßig an dieser Verteilung der Rollen. Denn ist die Solaranlage einmal montiert und der Hilfstrupp aus dem Westen wieder weg, sind die örtlichen Stromkonsumenten keineswegs innerlich bereit, Batterien und Leitungen zu warten. Ihrer unverstellt natürlichen Einstellung nach sind sie dafür auch gar nicht zuständig.

Plötzlich nicht mehr nicht zuständig zu sein kann aber auch zur Notwendigkeit werden, denkt man an den Umgang mit Kindern. Die Entenmutter kennt ab einem bestimmten Alter ihre Kinder nicht mehr und entlässt auf diese Weise die jungen Enten in die Selbstständigkeit. Bei Menschen hapert es dagegen oft daran, dass Mutter und Vater sich nicht wie die Entenhenne von ihrer klebrigen Zuständigkeit lösen können und so dafür sorgen, Vierzigjährige durchzufüttern. Sie fördern das Elend durch übersteuerte Gutmütigkeit.

Phänomenologisch ähnelt die Zuständigkeit ohne nähere Umstände der Notwendigkeit. Denn auch lässt sich ohne ein Wofür erleben, also als bloßes Gefühl, schnell etwas undefiniert Wichtiges machen zu müssen. Auch wenn das Etwas unbestimmt bleibt, ist das Gefühl der Notwendigkeit dabei dennoch vollständig. Notwendigkeit und Zuständigkeit brauchen nicht notwendig Objekte und stabile Bezüge. Sie können sich auf Unbestimmtes richten und so beliebige Objekte einfangen, also plötzlich für Jemanden oder etwas Bestimmtes zuständig sein.

Sebastian Knöpker