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Parasexualität

Werden sexuelle Lüste in Werte transformiert, können sie die ursprüngliche Sinnlichkeit verdrängen und an die Stelle von Sex und Eros treten. Parasexualität besteht also darin, Lüste in politische, hygienische und ethische Werte zu überführen, um die Sache selbst selbst loszuwerden.

Paraphilosophie bedeutet, das Nebensächliche der Philosophie ins Zentrum zu rücken, sodass die Hauptsache verdrängt wird. Die Nebensache der Philosophiegeschichte wird so oft dazu genutzt, philosophische Themen zu neutralisieren. Der Vorort namens Ideengeschichte ersetzt dann den inneren Bezirk. Beispielsweise kann ein philosophisches Thema wie die Wahrheit auf die Weise paraphilosophiert werden, über den Wahrheitsbegriff bei Platon und Hegel zu reden, um die Sache selbst zu umgehen.

Parasexualität besteht entsprechend darin, namenlose Flüssigkeiten zu thematisieren, die aus Geschlechtsorganen stammen, die Wechseljahre, Intimfrisuren und natürlich die sexuelle Selbstbestimmung. Fortpflanzung ohne Sex als die eigentliche Definition von Parasexualität wird hier in die Version überführt, über Sex ohne Sex zu sprechen. Die Betonung liegt dabei auf dem Diskurs, auf der Transformation von Sinnlichkeit in das Reden darüber.

Der parasexuelle Diskurs will eine neue Sicht der Dinge, warum eigentlich nicht? Wie bei der Paraphilosophie möchte aber die Parasexualität nicht zum Kern der Sache kommen, gewinnt aber zugleich ihre Bedeutung aus deren sinnlichem Kern. Für die Paraphilosophie gilt: man tut so, als würde man über Philosophie reden, um die Philosophie zu meiden, zieht aber die Bedeutung der Rede aus ihr. Derselbe Parasitismus gilt auch für den derzeitigen Diskurs über Sex und Erotik.

Umgekehrt kann man unter Parasexualität aber auch die Reduktion des Wertes der Sexualität auf eine Lustserie verstehen. Wird Sex als das Weitergeben des göttlichen Geschenks namens Leben durch Sexualität verstanden, erscheint die Lust als Beigabe und die religiös angeleitete Fortpflanzung als Hauptsache.

Wird diese Sichtweise nicht erzwungen, sondern aus sich heraus gelebt, steckt darin eine schöne Ernsthaftigkeit. Die Wertnehmung kann eben durchaus die Lusterfahrung ersetzen und so ein dauerndes Wertbewusstsein hervorbringen, das die Architektur der Seele stärkt. „Wert statt Lust“ kann also den ganzen Menschen gründen, ihm Halt vermitteln und zum Nullpunkt des Lebens werden, von dem Orientierung ausgeht.

Ob diese Ernsthaftigkeit vorliegt, kann nur durch strenge Gesichtskontrolle festgestellt werden, also durch den persönlichen Kontakt mit Parasexuellen. In der direkten Begegnung lässt sich spüren, ob die Parasexualität gelebt wird, Lebendigkeit, Gründung und Fundierung leistet.

Oft wird Parasexualität jedoch dazu benutzt, Sex so viel und so oft wie möglich zu vergessen. Dahinter steckt dann der Wille, das Ungeliebte, das sich aufdrängt, noch dazu zu gebrauchen, wozu es noch zu gebrauchen ist, nämlich als trockenen Diskurs.

Sebastian Knöpker