Phänomenologische Lebensberatung

Frage an den Phänomenologen: Ich bin ein ruhiger Typ und eher langmütig. Aber sobald ich in meinem Auto sitze werde ich ein Anderer: unduldsam und drängend, ungezügelt und übergriffig. Wie kommt diese Verwandlung zustande? Und was kann ich dagegen tun?

Es gibt ja diese total kaputten Sonntage, wo man so lange auf dem Sofa gelangweilt herumsitzt, bis man sich dann doch aufrafft und nach draußen spazieren geht. Man will Luft schnappen, durchatmen und auf andere Ideen kommen.

Doch oft läuft es so, die suppige Atmosphäre aus dem Wohnzimmer mit nach draußen zu nehmen. Jogger und Radfahrer ringsum werden dann unwillig wahrgenommen. Der Grund dafür ist es, dass die Wohnzimmerstimmung ein privater Raum ist. Diese private Sphäre nimmt man mit nach draußen, wonach alle anderen Eindringlinge in den privaten Bereich sind.

Beim Autofahren gilt die Variante: das Auto gehört mir, ist also auch mein Raum. Wenn ich nun einsteige und Gas gebe, bewege ich mich im öffentlichen Raum, gefühlt jedoch in meinem ureigenen Bereich. Da viele Autofahrer so empfinden, heizt sich die Situation auf und jeder kämpft gegen jeden. Besonders gut ist das auf der Autobahn zu beobachten, aber auch auf den letzten hundert Metern vorm eigenen Haus. Ein Autofahrer, der schon fast da ist, kennt weder Freund noch Feind – er lässt sich jetzt nicht mehr ausbremsen, weil er ein Privatfahrer ist.

Phänomenologisch betrachtet ist es also so, dass Sie ihre Raumauffasusng des Privaten in den öffentlichen Raum mit hinein nehmen. Der Sieger ist die Privatsphäre, was andere wie Sie auch selbst stört und behindert. Falls Sie ein Cabrio fahren sind sie ein besonders schwerer Fall, weil das offene Auto überhaupt keine Offenheit vermittelt, sondern die Verschlossenheit des Privaten noch weiter stärkt. Ähnliches gilt für Fahrzeuge, in denen man hoch über der Straße sitzt, und die sehr schwer und groß sind.

Verkehrsrüpel wie Sie sollten vor dem Einsteigen erst einmal eine Runde Tai Chi machen. Das verändert den gelebten Raum, also die Phänomenologie der subjektiven Raumwahrnehmung. Tai Chi entspannt also nicht nur, sondern setzt auch die Raumgrenzen neu an.

Sebastian Knöpker